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Man muss in dem Schmerz leben – William Fitzsimmons im Interview

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Als William Fitzsimmons Juli 2017 zusammen mit einem langjährigen Bandkollegen in seinem Eigenstudio anfing, an einem neuen Album zu arbeiten, wusste er noch nicht, was ihn nur Monate später erwartete. Nach Abschluss der Aufnahmen eröffnete ihm seine Frau Erin, dass sie nach 10 Jahren Ehe die Scheidung möchte und über die letzte Zeit eine Affäre mit seinem Bandkollegen hatte.

Anstatt die entstandene Platte aufzugeben, ließ sich der Singer/Songwriter auf Produzent Adam Landry ein und gab dem Ganzen nochmal eine Chance. Das Resultat ist „Mission Bell“, Williams siebtes Studioalbum, auf dem der Amerikaner die schwere Zeit verarbeitet. Wir trafen den Sänger zum Interview und unterhielten uns über Perfektionismus, Vergebung und Herausforderungen des Lebens.

MusikBlog: William, dein erstes „richtiges“ Studioalbum „The Sparrow And The Crow“ ist vor knapp 10 Jahres erschienen. Was hat sich mittlerweile verändert?

William Fitzsimmons: Ich scherze ja immer und sage, dass ich seitdem einen Wachstumsstillstand habe! (lacht) Spaß bei Seite. Ich hoffe natürlich, dass es ein paar Veränderungen gab. Ich mag den Gedanken, dass ich mich vielleicht tiefgründiger, aber einfacher ausdrücke. Erinnerst du dich noch an die Schulzeit? Als der Lehrer sagte, dass du doch mal versuchen sollst, aus deinem 10-Seiten-Aufsatz einen 5-seitigen zu machen? Das wurde über die Zeit immer mehr mein Ziel: Auf eine elegante, einfache Art immer noch aussagekräftig und wiedererkennbar sein.

MusikBlog: Songwriting fällt dir jetzt also leichter?

William Fitzsimmons: Gute Frage. Um ehrlich zu sein, nein! Es ist sogar schwieriger geworden, denn je mehr man weiß, desto mehr zweifelt man an. Gewisse musikalische Entscheidungen, die ich vor 10 Jahren gemacht habe, würde ich heute so nicht mehr akzeptieren, weil es einfach billig und aus Faulheit war.

Das aber, was mir mittlerweile leichter fällt, ist der Gesamtprozess und die Selbsterkenntnis, wann ich einen Song schreiben kann und wann nicht. Ich entwickle Ideen meistens über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen. Die Lieder, die dann entstehen, sind aber nur oberflächlich und nicht das eigentliche Herzstück. Früher habe ich mich aber in dieser Zeitspanne dazu gezwungen, den Song zu Ende zu schreiben und heraus kam etwas Schlechtes, was mich wiederum wirklich geärgert hat. Mittlerweile weiß ich, dass ich einfach Aufwärmzeit brauche. Obwohl es mir also etwas leichter fällt, ist es immer noch verdammt hart.

MusikBlog: Also war die erste Version von „Mission Bell“ nur die Aufwärmphase?

William Fitzsimmons: Diese erste Version der Platte war vermutlich das wohl digitalste Ding, was ich jemals gemacht habe; sie ist im Endeffekt komplett am Computer entstanden. Alles, was wir gemacht haben, vom Schlagzeug bis hin zur Gitarre, wir haben dem Ganzen einfach die ganze Menschlichkeit genommen. Sachen wurden teilweise bis zu 10 Mal aufgenommen und dann am Computer aufgespalten, um von jedem nur das Perfekte zu entnehmen. Jede einzelne Note war perfekt. Am Ende stand ich da, mit einer langweiligen und herzlosen Platte. Auf der einen Seite hat es mir wirklich Angst gemacht, auf der anderen Seite befand ich mich zu dem Zeitpunkt in einer manischen und depressiven Phase, dass es mir irgendwie egal war.

MusikBlog: Wie wichtig ist dir ein „perfektes Album“?

William Fitzsimmons: Es gab wirklich eine Zeit, da habe ich gemeint, das kann so nicht drauf, die Note ist falsch. Und dann haben wir es immer und immer wieder gemischt. Jede einzelne Note, jede Gitarrensaite musste sich einwandfrei anhören. Das war wirklich beängstigend. Verstehe mich nicht falsch, es ist nicht schlecht, perfekt zu sein. In einer bestimmten Umgebung zu einer gewissen Zeit ist Perfektionismus sicher richtig. Nimm einfach mal Dance-Musik. Wie wunderbar ist es, wenn jeder Beat sitzt und du zum perfekten Groove tanzen kannst? Aber für meine Art von Musik ist es wichtig, den Leuten etwas zu vermitteln, sie benötigt Menschlichkeit. Perfektion sollte nie das Ziel sein, ich habe es aber zu meinem Ziel gemacht.

MusikBlog: Stichwort Menschlichkeit. Wie schwer fällt es dir, so persönliche Songs zu schreiben?

William Fitzsimmons: Es ist verzwickt. Ich meine, natürlich schmerzt es, diese Songs zu schreiben. Es verletzt mich und es verletzt die Leute, über die ich schreibe. Ich wollte nie etwas aus reiner Wut sagen oder absichtlich verletzen. Das heißt aber nicht, dass ich es nicht getan habe. Eine Regel, die ich aber für mich selbst aufgestellt habe ist, dass ich mir bewusst sein muss, dass es Menschen verletzen könnte. Meine Frau meinte diesmal auch zu mir: „Sei sicher, dass es für dich in Ordnung ist, wenn unsere Töchter es irgendwann hören werden. Was für Fragen werden sie in 10 Jahren wohl haben?“

MusikBlog: Und bist du dir sicher?

William Fitzsimmons: Ich bin ein Mensch, aber ich bin auch Vater. Nicht nur, weil ich Künstler bin, schreibe ich drauf los und denke mir nichts dabei. Ich möchte auch kein Arschloch sein. Auf der anderen Seite denke ich, wenn du nicht willst, dass jemand so über dich schreibt, dann benimm dich besser. Was auch immer meine Frau mal in ihre Memoiren schreiben wird – ich bin mir sicher, der Tag wird kommen – wird Sachen über mich enthalten, die nicht nett sind, aber vermutlich sehr wahr. Das sind nun mal die Dinge, die ich gemacht habe. Das Wichtigste ist, egal, was man macht, es aus dem richtigen Grund zu tun.

MusikBlog: Du erwähntest eben schon deine Töchter. „Mission Bell“ hat aber keinen Song, der ihre Situation behandelt.

William Fitzsimmons: Das ist ein guter Punkt. Ich muss ganz ehrlich zu dir sein: Es ist noch keine Entscheidung gefallen. Ich weiß noch nicht, wie diese Story hier enden wird. Vielleicht habe ich sie deshalb unbewusst nicht erwähnt, weil ich mir keine Gedanken darüber machen wollte, welchen Effekt das alles hier auf sie haben könnte. Ich habe keine Zweifel daran, dass die Zeit kommen wird, an dem ich mich dem Ganzen stellen muss, aber vermutlich habe ich es bisher einfach gemieden und bin davor weggerannt. Eine gute Portion Verleugnung. Deshalb behandeln die ganzen Songs vermutlich auch nur eine kurze Zeitspanne, denn es hätte zu sehr weh getan, diese weiter auszudehnen.

MusikBlog: Für den Moment der Verarbeitung ist es sicherlich befreiend. Aber auch noch, wenn du die Geschichten im Nachhinein immer wieder auf der Bühne durchlebst?

William Fitzsimmons: Ja, denn die harte emotionale Arbeit ist, wenn ich die Lieder schreibe und sie aufnehme. Natürlich bin ich danach nicht geheilt, aber zu dem Zeitpunkt, an dem ich auf der Bühne stehe und sie spiele, habe ich ein Level erreicht, auf dem ich sie mit Abstand betrachten kann. Ich fühle zwar noch jedes einzelne Lied, aber ich habe gelernt, mich nicht mehr allzu sehr hineinzuversetzen, wenn ich sie für mein Publikum spiele; immerhin sind die gekommen, um mich zu hören. Wie egoistisch wäre es denn, wenn ich das nicht schaffen würde? Mein Job ist es, den Leuten meine Gefühle zu vermitteln, damit sie es auch fühlen können.

MusikBlog: Trotzdem eine große Herausforderung.

William Fitzsimmons: Klar, aber ist das nicht auch Teil des Lebens? Ich habe auch meine Momente, keine Frage. Aber nehmen wir uns beide in diesem Augenblick mal als Beispiel: Ich bin sicher, dass wir beide aktuell mit Sachen in unserem Leben klarkommen müssen, die nicht einfach sind. Und trotzdem stellen wir sie gerade für eine Minute zur Seite. Das muss man einfach bis zu einem gewissen Grad lernen.

MusikBlog: Den Track „Lovely“ hast du zu Ehren von Schwester Cathy Cesnik geschrieben. Was hat es damit auf sich?

William Fitzsimmons:  Das war tatsächlich einer der ersten Songs, die ich für „Mission Bell“ geschrieben habe – bevor ich wusste, in welche Richtung diese Platte inhaltlich gehen wird. Ich war an einer wunderbaren Stelle meines Lebens und wollte ein Album über mich und mein Umfeld schreiben, wie viel Glück ich hatte. Und in dieser Zeit habe ich diesen Dokumentarfilm gesehen, der mich einfach so sehr inspiriert hat. Es ist eine wunderbare Geschichte über jemanden, der sich vollkommen für andere aufopfert. Am Ende habe ich es mit auf das neue Album genommen, weil es sich doch irgendwie mit der Story um mich, meiner Frau und mein Umfeld verbinden ließ.

Ich möchte ehrlich zu dir sein. An diesem Song siehst du, wie ich nicht vorhatte, eine depressive Platte über Beziehungen zu schreiben – ich habe das schon so oft gemacht! Dieser Song hilft mir immer noch dabei, zu dem Punkt meines Lebens zurückzukehren, an dem ich ihn geschrieben habe, wo noch alles gut war. Auch wenn es nur in meinem Kopf ist, es fühlt sich wirklich, wirklich gut an. Es gab viele Songs wie diesen, die einen externen Auslöser hatten. So sehr ich über mich und meine Erfahrungen schreibe, das heißt nicht, dass ich das unbedingt liebe! (lacht)

MusikBlog: In „17+Forever“ geht es um Online-Mobbing und Selbstmord von Jugendlichen. Du als Vater in einem digitalen Zeitalter, was denkst du?

William Fitzsimmons: Gute Frage. Meine Töchter sind zum Glück noch ziemlich jung, vier und sechs. Aber ich glaube tatsächlich, dass es von Jahr zu Jahr immer mehr die jüngere Generation einnimmt. Meine Ältere zum Beispiel, liebt es Musikvideos anzuschauen. Sie liebt Pop-Musik und bewegt sich gern dazu, es macht ihr Spaß, die Clips online anzuschauen. Als Eltern denkst du immer, du kannst deine Kinder davor bewahren, die gleichen Fehler zu machen wie du. Aber nein! Du besitzt sie einfach nicht, sie sind nicht dein Eigentum.

Wenn ich meinen Töchtern beibringen kann, wie sich Liebe anfühlt und wie wichtig es ist, nett zu anderen Menschen zu sein, dann ist das vermutlich das Beste, was ich tun kann. Das bedeutet noch lange nicht, dass sie niemals verletzt werden. Es heißt nur, dass ich sie eventuell davor stoppen kann, anderen Leuten so sehr weh zu tun, und sie bis zu einem gewissen Grad vorbereite, immer und mit allem zu mir zu kommen. Ziel ist es aber trotzdem, sie auf ein Leben ohne mich vorzubereiten, wenn der Zeitpunkt kommt.

MusikBlog: „Second Hand Smoke“ besingt die Vergangenheit und wie sie Einfluss auf unsere Gegenwart hat. Macht es dann überhaupt Sinn, neu anzufangen?

William Fitzsimmons: Das Problem ist doch, wenn du versuchst, Dinge zu vermeiden, dass sie genau dann wiederkommen. Das muss man sich tatsächlich bewusst werden. Solange man den Schmerz aus der Vergangenheit nicht nimmt und es in etwas anderes verwandelt, solange wird es dich weiterhin verfolgen. Es ist nicht so, dass es keine Hoffnung auf Veränderung gibt, aber ich glaube wirklich, dass man eine Zeit lang in diesem Schmerz leben muss, damit es irgendwann vorbei ist. Und das ist doch das, was ich aktuell mache. Ich stelle mich dem Ganzen, weil ich in 10 Jahren wirklich nicht noch so ein Album rausbringen kann. Verstehst du? Ich bin sehr stolz auf „Mission Bell“, aber ich hoffe wirklich, dass es das letzte seiner Sorte ist!

MusikBlog: Mit Problemen abschließen und vergeben. Wie wichtig ist das?

William Fitzsimmons: Ich habe in der letzten Zeit wirklich viele Bücher über die Vergebung gelesen. Ich finde persönlich, dass Vergebung speziell für die Person wichtig ist, die vergibt. Wenn du jemandem vergibst, dann bist du derjenige, der geheilt wird, auch wenn der Gegenüber davon profitiert. Und das ist das, woran ich aktuell täglich arbeite. Nicht nur selbst zu vergeben, sondern auch die Vergebung von denen zu ersuchen, denen ich wehgetan habe.

Solange ich das nicht schaffe, werde ich nie wieder ganz sein können. Es ist aber anders, als viele denken. Es geht nicht darum, sich hinzulegen und zu denken, dass alles wieder gut wird. Nein! Es ist das Anerkennen, dass etwas falsch lief, dass man verletzt wurde. Das bedeutet nicht, dass ich mich nie wieder in so eine Situation begeben werde, aber ich werde vorbereitet sein, um mich besser schützen zu können.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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