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Auf der Suche nach Empathie – Julia Holter im Interview

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Julia Holter ist autodidaktische Komponistin, Produzentin und Multiinstrumentalistin, ihre Musik ein Sammelbecken, in dem Indie, Elektro, Avantgarde, Ambient und kammergeschwängerter Barockpop als nocturner Klangschwarm aufwarten – gleichermaßen betäubt und betäubend. Seit ihrem letzten Album sind mittlerweile drei Jahre vergangen.

Dass die Wahlkalifornierin die Zwischenzeit aber gut genutzt hat, um ihren Platz an der Speerspitze der experimentellen Popmusik zu festigen, offenbart sich am 26.10. in 15 neuen Songs, die Holters lose flottierenden Bewusstseinsfetzen an intertextuelle Verweise der Kulturgeschichte kletten.

Dann nämlich erscheint „Aviary“ – ein Album, dass die innovationsfreudige Avantronica einer Björk streift, lyrische Streifzüge durch Buddhismus, Christentum und Popkultur wagt und letztlich so groß auffährt, dass für ihre kommenden Tourabstecher nach Deutschland nur Klangparadiese wie die Hamburger Elbphilharmonie in Frage kamen. MusikBlog hat mit ihr darüber gesprochen.

MusikBlog: Julia, was dir die Presse alles an Genres attestiert, ist in der Summe nur schwer als homogenes Sounderlebnis vorstellbar: Kammer- und Barockpop, Indietronica, Ambient und Avantgarde, Elektro und Experimental. Ganz schön viele Label.

Julia Holter: Mir fällt es ziemlich schwer, meine eigene Musik in eine Schublade zu packen. Beim neuen Album wollte ich eine verrückte Welt kreieren, in der sich Zukunft und Vergangenheit über den Weg laufen, um eine Art dreidimensionalen Sound zu produzieren. Klingt prätentiös, oder?

MusikBlog: Eigentlich klingt das interessant! Kannst du es trotzdem etwas genauer fassen?

Julia Holter: Ich sammle im Grunde bloß Eindrücke, die sich meiner Meinung in verschiedenen Instrumenten, den passenden Samples oder kulturellem Intertext aufgreifen lassen. Ab da besteht meine Arbeit darin, zu collagieren und Dutzende von Klangmodulen solange übereinander zu legen bis sie reif genug sind, um Vorstellungen zu wecken. Das hat was Magisches, weil ich vorher nie weiß, was rauskommt.

Ich merke aber immer wieder, dass ich über bloße Intuition eine Menge über meine Ambitionen und mich selbst erfahre. Auf „Aviary“ wollte ich mich von alten Schreibparadigmen lösen und Komponenten aus literarischen Inspirationen, verschiedenen Sprachen und mehreren Tempi möglichst unbehandelt ineinanderfließen fließen lassen, um eine ganz eigene Bedeutungsebene zu kreieren. Dabei stand jedoch immer das Phonetische im Vordergrund. Der Text orientiert sich am Sound, um ihn zu vervollständigen.

MusikBlog: In der ersten Auskopplung aus deinem neuen Album, »I Shall Love 2«, heißt es »Who cares what people say? I shall love.« Das klingt nach Verdruss, aber auch nach Mut zum Gegenentwurf.

Julia Holter: Da gebe ich dir Recht! Die Menschen sind ziemlich sensibel geworden, was ihr Verlangen nach Liebe betrifft – und damit zusammenhängend auf eine Weise expressiv, die im Selbstdarstellungswahnsinn oft unnatürlich wirkt.

Das ist nichts, was bloß wenige betrifft, sondern sich irgendwie zu einer modernen Zivilisationskrankheit aufgeschwungen hat. Liebe hat viel von seinem ursprünglichen Wert eingebüßt. Liebe ist messbar.

MusikBlog: Du wirst auf Tour von einem Ensemble begleitet und in wie dafür gemachten Venues wie der Hamburger Elbphilharmonie spielen. War es für dich wichtig, diesmal auf Locations zu setzen, die aufgrund ihrer räumlichen Beschaffenheit deinem Sound eine neue Dimension verleihen?

Julia Holter: Das tun sie immer – ganz unabhängig davon, ob das schicke Locations oder wegen mir auch räudige Kaschemmen sind. In einer Bar entfaltet sich natürlich eine ganz andere Energie als in einer Halle.

MusikBlog: Wenn man Artikel über dich durchforstet, fallen immer wieder ehrwürdige Vergleiche mit Künstlerinnen wie Laurel Halo, Björk oder Zola Jesus. Bürde oder Segen?

Julia Holter: Es stört mich jedenfalls nicht. Vor allem, weil es für jede Musikredakteur*in unausweichlich ist, diesen und jenen Act mit wem anders zu vergleichen. Aber das ist doch toll! Letztlich habe ich ja auch keinen Einfluss darauf, was die Leute über mich schreiben, aber ich bin auch immer sehr froh, einem Pool von Millionen von Musiker*innen anzugehören, die untereinander Vergleiche zulassen.

MusikBlog: Mit Björk verglichen zu werden, ist jetzt auch nicht das übelste Kompliment.

Julia Holter: Absolut! Ich denke, es gibt niemanden, der sich verglichen mit Björk nicht geschmeichelt fühlen würde.

MusikBlog: Am Anfang deiner Karriere hast du noch Bedroom-Recordings produziert. Nun hast du die Möglichkeit, in einem Studio viel ambitionierter aufzunehmen. Verändert sich durch dieses Upgrade auch dein Kreativpotential? Denkst du quasi anders über deine Kunst nach?

Julia Holter: Ich glaube, das habe ich nie. Die meisten meiner Bedroom-Recordings laufen immer noch nach dem selben Schema wie nun auch auf „Aviary“ ab. Klar, für den Feinschliff ging’s ins Studio, aber die Vocals, Riffs, das Cello und die Synths hatte ich schon zuhause aufgenommen.

Abgesehen davon bin ich alles andere als eine Perfektionistin. Ich hab sogar Spaß an Störgeräuschen, die wir dann auch als Teil des Schaffensprozess integrieren. Auch auf diesem Album kann man das hören.

MusikBlog: Du experimentierst mit buddhistischen, christlichen, popkulturellen, klassisch-literarischen und römisch-antiken Codes – die sind alle auf deinem neuen Album miteinander verwoben. Doch wo treffen sie sich?

Julia Holter: Das ist mein Babylonischer Turm! Mich interessieren sämtliche Sprachen, wie sie klingen und welche Geschichte sich hinter ihrer Entstehung verbirgt. Das hängt auch mit einem Faible für Zeitsprünge zusammen, wobei ich gerade versuche, mittelalterliche Bildsprache in meine Musik zu integrieren. Ob und wo sie sich treffen: Keine Ahnung.

MusikBlog: Der Albumtitel geht auf eine Kurzgeschichte von Etel Adnan zurück, in der es heißt: »I found myself in an aviary full of shrieking birds.« Eine Metapher für das Individuum in dieser Welt?

Julia Holter: Absolut! Der Gedanke bezieht sich nicht mal auf mich. Diese Vögel können für so Vieles stehen: Wir konstruieren ja alle unseren Käfig. Manchmal kommen wir da wieder raus, oft genug aber müssen wir vor dem Gekreische einknicken.

MusikBlog: Das klingt nach Hitchcock-Apokalypse. Aber stellt die Musik für dich dann nicht auch eine Lösung dar, um Chaos in etwas Kontrollierbares zu übersetzen?

Julia Holter: Meiner Meinung lässt sich so gut wie nichts kontrollieren! Vielleicht gibt es die Möglichkeit, um sich ansatzweise selbst zu kontrollieren. Wenn du nun etwas produzierst – wegen mir Musik –, dann gibt’s du deinem Inneren – wegen mir Chaos – eine Form.

Persönlich hilft mir Musik dabei, eine Form der Kommunikation zu nutzen, die ich auf anderen Ebenen nicht hinbekomme. Mir fällt’s zum Beispiel schwer mich zu unterhalten. Auch dieses Interview, generell Unterhaltungen, verlangen mir eine Menge ab. Die Musik hat eine Sprache, die mir Sicherheit gibt.

MusikBlog: Sagtest du vielleicht deshalb erst vor Kurzem, dass du auf deinem neuen Album den ‚Sound der Empathie‘ suchst? Für den Fall, dass du ihn gefunden hast: Wie?

Julia Holter: So habe ich das noch nicht gesehen und ich weiß auch gar nicht, ob ich dieses Ziel überhaupt erreicht habe. Aber mir geht es immer darum, irgendetwas in meiner Musik zu erkunden. Damit betreibe ich ja nicht mal Pionierarbeit. Zurzeit ist es einfach so, dass Empathie in dieser Welt immer mehr verschwindet. Gerade dann lohnt es sich doch am meisten danach zu suchen, oder?

MusikBlog: Das tut es. Danke für das Interview.

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