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Beirut – Gallipoli

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Die Tabakindustrie hat es uns lange genug weismachen wollen, nun haben wir den Beleg. Denn die gescheitesten Einfälle und wichtigsten Erkenntnisse hat der Mann von Welt, wenn sich Nikotin in seinem Hirnlappen entfaltet.

So auch bei Zach Condon. Während einer nächtlichen Fluppe in Pankow ist sie urplötzlich da: Seine Erleuchtung. Er ist sich sicher: „Hier gehöre ich hin.“ Behauptet er zumindest.

Während dem Wahlberliner das Mark juckt, befürchten Fans, dass er Beirut gerade einen Dolch in den Rücken jagt. Wie heißt es so phrasiert: Wer rastet, der rostet. Und wenn die Balkan-Folk-Nomaden jemals Rast hielten, dann bloß weil einer musste – gefühlt wenigstens.

Leitmotiv der juvenilen Vagabunden ist die Reise: Zu sich selbst, ins Ungewisse. Next Station: Gallipoli – sehnsüchtige Wallfahrt ins Ödland von Apulien. Italo Disco? Frottola-Ballade? Mitnichten. Alles bleibt beim grammophonen und in Sepia-Filter getränkten Marschkapellen-Duktus.

„Gallipoli“ ist der Bogenschluss zum Ursprung des Projekts, bei dem Condon neunzehnjährig die Notizen seines Reisetagebuchs zu einem weltmusikalisch-globetrottenden Geniestreich justierte. Die restaurierte Farsifa-Orgel des Amerikaners – für das damalige Debüt „Gulag Orkestar“ noch aus dem Fundus eines Zirkus von Santa Fe nach New York verschleppt – gibt wieder die Töne an.

Ohne Verzögerung kokettiert man mit naiven Spinnereien: Rucksack packen, Papas alten Diesel tanken und ihn so lange Richtung Süden scheuchen bis man gibraltischen Kalk erreicht. Oder die Umweltplakette abläuft.

Was vielleicht abschätzig klingt – „Gallipoli“ ist ein zu Ton gewordenes Interrail-Ticket –, ist in Wirklichkeit recht lobenswert. Keine andere Band, die seit Mitte der Nullerjahre immer noch mit einer derart vorfreudigen Verzückung angehimmelt wird, kann sich so zuverlässig auf ihr ewig strahlendes Alleinstellungsmerkmal verlassen.

Auch wenn Condon mittlerweile 32 Jahre alt ist, inkorporiert er gewissermaßen die mit Asphaltstaub bedeckte Vorstellung unverwelklicher Adoleszenz.

So kann es bloß irritieren, wenn sich im Opener „When I Die“ die Himmelspforten öffnen: Akustik-Strings werden mit straßenmusikalischer Naivität geschlagen, hier und da nur halb getroffen, während leise triumphierende Bläser von Condons lakonischem Crooning bezirzt werden.

Bereits diese ersten Momente haben etwas Cineastisches, wenn nicht gar sterbensschön Sakrales. Kurzum: Selbst die Elbphilharmonie würde sich bei diesem Wohlklang vor lauter Rührung in dem nach ihr benannten Fluss ertränken.

Anders als auf „No No No“, das trotz seines elektronischen Wagemuts als künstlerischer Rückschritt in Beiruts Portfolio verkannt, teils sogar geächtet wurde, besinnt sich „Gallipoli“ wieder vermehrt instrumental-konventionelleren Ursprüngen.

Aufbruchsmutiger Hulla-Twang in „Varieties Of Exile“ samt perkussiver Bongo-Diktion geht – wie etwa in „On Mainau Island“ – schräg verpitchten Toy-Piano-Tupfern, Glockenspiel-Glitzern und synthetischer Weitflächigkeit voraus.

Wo auch immer „Gallipoli“ auf der Welt erklingen wird, kann ein Sonnenaufgang nicht weit sein. Ohja! Wenn das Klischee einer aufbrechenden Wolkendecke nochmal abgedroschen werden darf, dann mit diesem Worldbeat-Meisterstück, das so reibungslos ins Trommelfeld sickert, als würde ein mit MDMA betanktes Frachtschiff in einem gelatinösen Meer absacken.

Angejazzte Instrumentals wie „Corfu“, Afro-Percussions in „Light In The Atoll“ oder MPC-programmiertes Boom-Bum-Tschak-Bum-Tschak im Stil von „Family Curse“ grooven so loungig, dass selbst George Benson in sich zerlaufen würde.

Selbstverständlich – eine weitere dieser unbestrittenen Kernkompetenzen Beiruts – ist die ethnomusikalische Fusion die entscheidendste aller Allegorien, wenn es um Condons Streuner-Alias geht.

Trotz aller settle-down-Impulse klingt das zum Glück wieder nach Fernweh. Ob Condon für den Sonderzug nach Pankow – welcher im Closer „Fin“ buchstäblich den Sound eines beschleunigenden Futuro-Expresses mimt – auch ein Rückfahrticket gebucht hat?

Mal abwarten. Spätestens bei der nächsten Kippe wird’s ihm einfallen.

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