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Jehnny Beth (Credit Steve Gullick)

Ich wollte Neuland betreten – Jehnny Beth im Interview

Vier intensive Jahre lang war Jehnny Beth mit ihrer Post-Punk-Band Savages unterwegs und hinterließ dabei so manch wegweisendes Sound-Ausrufezeichen. Vier Jahre nach dem letzten Studio-Ausrufezeichen der Band „Adore Life“ meldet sich die französischstämmige Frontfrau nun mit ihrem ersten Soloalbum („To Love Is To Live„) zurück. Kurz bevor die Corona-Krise so richtig Fahrt aufnahm, trafen wir uns mit Jehnny Beth zum Interview und sprachen über David Bowie, Johnny Hostile und den Drang nach künstlerischer Befreiung.

MusikBlog: Jehnny, viele Bandmusiker, die irgendwann einmal ihr erstes Soloalbum veröffentlichen, sprechen über einen besonderen Moment, wenn es um die Geburtsstunde ihres ersten eigenen Schaffens geht. In deinem Fall soll es der Tod von David Bowie gewesen sein. Stimmt das?

Jehnny Beth: Ja, das stimmt – zumindest zum Teil. Wir waren zu der Zeit mit Savages auf Tour, als ich irgendwann nachts auf mein Handy schaute und mich die Nachricht von Bowies Tod erreichte. Das war irgendwie ein sehr seltsamer und natürlich auch ein sehr trauriger Moment, vor allem vor dem Hintergrund, dass zwei Tage vorher sein Album „Black Star“ erschienen war. In diesem Augenblick wurde mir vieles vor Augen geführt, das man sonst nicht so präsent auf dem Schirm hat. Musik als Geschenk, als etwas, das größer ist als man selbst, und auch als das, was immer bleibt:

Diese Kraft und Bedeutung wurde mir in diesem Augenblick bewusst. Man wird in solchen Momenten natürlich auch mit dem Thema der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Da kamen viele Gedanken und Gefühle zusammen, die letztlich auch dafür gesorgt haben, dass ich mich von da an intensiver mit Dingen beschäftigt habe, die ich immer schon mal machen wollte, die aber aus bestimmten Gründen bisher noch hinten anstanden. Und da gehörte auch mein erstes Soloalbum dazu.

MusikBlog: Was steckt drin in „To Love Is To Live“? Wie würdest du das Album musikalisch beschreiben?

Jehnny Beth: Mir ging es vor allem um zwei ganz wichtige Eckpunkte. Zum einen wollte ich eine sehr dichte, atmosphärische und intensive Platte machen. Ich wollte die Savages-Intensität mit einbeziehen, ohne dabei aber bestimmte Erinnerungen zu erzeugen. Und zum anderen wollte ich natürlich viele Dinge ausprobieren, Grenzen überschreiten und Neuland betreten. Ich wollte mit meiner Stimme experimentieren. Und ich wollte mit spannenden Leuten arbeiten.

MusikBlog: Die spannenden Leute hören auf die Namen Romy Madley Croft von The xx, Cillian Murphy (Peaky Blinders) und Joe Talbot. Wie liefen die Zusammenarbeiten?

Jehnny Beth: Diese Begegnungen waren allesamt unglaublich wertvoll und sehr inspirierend für mich. Egal, ob wir in Los Angeles oder London waren und egal, mit wem ich zu tun hatte: Es sind unheimlich viele intensive und schöne Erinnerungen geblieben. Ich will da gar keine Begegnung besonders hervorheben.

MusikBlog: Produziert wurde das Album von Flood, Atticus Ross und deinem Partner Johnny Hostile. Letzterer ist nun schon seit mehr als 15 Jahren an deiner Seite. Was ist das Fundament eurer Beziehung?

Jehnny Beth: Ich schätze an Johnny vor allem seinen Mut, seine Offenheit, seine Ehrlichkeit und seinen unbeirrbaren Drang zur Kreativität. Johnny steckt voller Tatendrang. Und ich ticke genauso. Das schweißt irgendwie zusammen.

MusikBlog: Du hast deinen Tatendrang gerade schon erwähnt. Du bist ja nicht nur Sängerin, sondern tobst dich auch auf vielen anderen künstlerischen Ebenen aus. Woher kommt dieser Eifer?

Jehnny Beth: Ich bin einfach ein Mensch, der sich gerne mit Dingen beschäftigt. Sicher, ich kann auch mal die Füße hochlegen. Aber tief in mir drin will ich eigentlich immer irgendetwas machen. Und innerhalb der Kunst hat man so viele verschiedene Bereiche, in denen man tätig sein kann. Ich probiere mich da immer gerne aus. Songs schreiben, Songs produzieren, TV-Shows kreieren, an Soundtracks arbeiten: Ich kriege von Kunst einfach nicht genug.

MusikBlog: Zeitgleich zum Album erscheint auch ein Fotobuch von dir und Johnny. Was hat es damit auf sich?

Jehnny Beth: Das Buch heißt „C.A.L.M.“. Es ist ein Fotoband mit Kurzgeschichten. Die Idee zu dem Projekt entstand, als Johnny mit der Fotografie anfing. Wir haben damals angefangen, Fotos in Hotelzimmern zu schießen. Es ging uns dabei um Visionen des körperlichen und sexuellen Ausdrucks. Wir wollten befreiende Emotionen in einem anonymen und sicheren Umfeld darstellen, gepaart mit Monologen und Dialogen rund um das Thema Fantasien.

Uns war dabei auch wichtig, keine Gesichter zu zeigen. Es geht nicht um bestimmte Personen. Der Fokus soll nicht auf uns liegen, sondern auf Gefühlen, Gedanken und Visionen. Das Lösen von Ketten und das Ausleben von Fantasien stehen im Vordergrund. Genau das ist es, worum es in der Kunst gehen sollte: um totale Befreiung.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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