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Sylvan Esso – Free Love

Funktioniert eine klare Arbeitsteilung, wenn man nicht nur privat miteinander verbandelt ist, sondern zu allem Übel noch gemeinsam ein gefeiertes, grammy-nominiertes Duo bildet? Sylvan Esso haben es zumindest lange Zeit so gehalten. Für ihr neues, drittes Album „Free Love“ hatten sie aber eine neue Herangehensweise. Ob das wohl gut ging?

Als sich Amelia Meath, Sängerin und Nick Sanborn, Produzent, vor acht Jahren kennenlernten, hatten sie – zumindest für ihr kreatives Miteinander – strenge Grenzen gezogen:

Sie schreibt und singt die Songs, er produziert die musikalische Untermalung. Herausgekommen sind mit ihrem selbstbetitelten Debüt und dem Folgewerk „What Now“ zwei Alben, deren Erfolge für sich sprechen.

Inzwischen sind die beiden verheiratet und auf „Free Love“ haben sich die beiden ihrem Label zufolge fröhlich in das Hoheitsgebiet des anderen eingemischt – Streitereien inklusive. Oder, wie Meath selbst es formuliert: „Nick will, dass die Dinge beunruhigend klingen, ich möchte, dass du dein Shirt ausziehst und tanzt.“

Minimalste Meinungsverschiedenheiten also, die bei anderen Pärchen vielleicht in einem Besuch beim Paartherapeuten oder in einer Ehekrise gemündet hätten. Bei Sylvan Esso sorgen sie für kreativen Austausch, neue Ideen und Mehrdimensionalität – kurzum dafür, dass eine richtig gute Platte herauskommt.

Denn Meath klingt zwar zuckersüß, wenn sie die zehn Nummern des Albums vorträgt, gewissermaßen ist ihre Stimme aber doch ein Wolf im Schafspelz: Während „Free Love“ insgesamt eher verspielt und niedlich klingt, ist doch immer ein Wermutstropfen dabei.

Opener „What If“ verspricht dabei schon, was die anderen neun Tracks halten. Sein gebrochener Takt und die metallisch-verzerrten Vocals sorgen dafür, dass die ersten 1:26 Minuten gleich im Gedächtnis bleiben.

Mit einer Achterbahnfahrt – oder besser: Fahrt auf dem Riesenrad – zu den Grenzen des Pop geht es im Laufe des Albums weiter:

„Ferris Wheel“ mag mit seinem Beat und der fast kindlichen Stimme nach Sommerhit klingen und könnte einen wirklich dazu verleiten, sich vor Freude das Hemd vom Leib zu reißen.

„Rooftop Dancing“ ist dank der geloopten Vocals, der zurückhaltenden Instrumentation und des subtil eingesetzten Kinderchors im Hintergrund so schön wie melancholisch.

Die anderen Stücke sind ebenso vielseitig: verträumt und verschroben, ziemlich tanzbar und ein bisschen traurig. Und nachdem die letzte Note des Albums verklungen ist, wird man selbst ein bisschen wehmütig – war’s das etwa schon mit „Free Love“?

Auf dem dynamischen „Train“ heißt es wiederholt „Pop music made me go insane“. Die Diagnose “Verstand verloren” möchte man für die Platte zwar nicht unterschreiben, abgespact und nicht ganz regelkonform ist sie allerdings allemal.

Kurzweil und künstlerischer Anspruch müssen sich eben doch nicht ausschließen, Arbeitsteilung hin oder her.

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