Clipping. – Visions Of Bodies Being Burned

In Horrorfilmen sind Fortsetzungen meist oberflächlich. Wie der unausstehliche Filmbruder Randy aus Scream 2 erklärte: “Also, was sind die Regeln für eine erfolgreiche Fortsetzung? Erstens: Es werden mehr Leute umgebracht. Zweitens: Die Todesszenen sind besser ausgearbeitet, mehr Blut, mehr Gekröse, ein nettes Gemetzel, das erwartet die Fangemeinde! Und Nummer drei: Nehmen Sie unter keinen Umständen an, dass der Mörder tot ist.“

Letztes Jahr beendeten die Alternative-Hip-Hopper Clipping. ihre dreijährige Schaffenspause mit dem horror-inspirierten Album “There Existed an Addiction to Blood”. Nun sind Rapper Daveed Diggs und die zwei Produzenten Jonathan Snipes und William Hutson mit mehr Leuten, aufwändigeren “Kills” und “Monstern”, die einfach nicht tot zukriegen sind, zurück – getreu den Regeln einer erfolgreichen Horror-Fortsetzung.

Nach der Produktion des Albums “There Existed an Addiction to Blood” im Jahr 2019 bemerkte man, dass zu viele Songs produziert wurden. Aus diesem Grund entschieden Clipping. zusammen mit ihrem Label Sub Pop, dass es zwei Alben geben sollte. Der erste Teil erschien, doch die weltweite Pandemie um Covid-19 und ihre abgesagten Tourneen schoben den zweiten Part immer nach hinten.

“Visions of Bodies Being Burned”, welches diese Woche erscheint, ist – technisch gesehen – also keine Fortsetzung, sondern vielmehr der letzte Part eines Diptychon, eines zweiteiligen Gemäldes.

Das Album enthält 16 Gruselgeschichten, die als Rap-Songs getarnt wurden und deren Inspirationen in Werken von Ernest Dickerson, Clive Barker und Shirley Jackson liegen.

Während diese Geschichten weitgehend reaktionär sind, hat Clipping. ihre “Monsterfiguren” absichtlich durch den Blick einer antirassistischen, anti-patriarchalen, antikolonialen Politik neu formuliert, um die Kämpfe der gegenwärtigen Ära anzugehen.

Schon beim ersten Song “Intro” läuft einem der Angstschweiß quer über den Rücken. Anfangs noch minimalistisch mit dumpfen Explosionen als Beat, entwickelt sich der Opener mit jedem Takt weiter – immer mehr Soundeffekte und Geräusche komplettieren das Ganze, bis Daveed Diggs in zerrender Stille, nur untermalt mit den Explosionen, zum ersten Mal zu hören ist:

“On being skeptical, but shit is too real / Be honest with it, what do you feel? / The beast is hidden beneath the feet / And with the pattern concealed / It’s like you’re stuck in the middle of your terror”.

Weiter geht es mit der ersten Singleauskopplung “Say My Name”. Mit einer herrlich bedrohlichen Stimmung klingt es wie eine Mischung aus Nine Inch Nails und Tyler, The Creator.

Die allgegenwärtige Hook “Candlesticks in the dark, visions of bodies being burned”, welche an den Song “My Mind Is Playing Tricks On Me“ von den Geto Boys angelehnt ist, zieht sich nahezu durch den kompletten Song und wird dabei von dem orchestralen Beat stark unterstützt.

Wirkte der Vorgänger “There Existed an Addiction to Blood” noch teilweise überfordernd und verstörend, so ist “Visions of Bodies Being Burned” stark minimalistischer und ruhiger.

In dem Song “96 Neve Campbell” geht es um die typischen “Final Girls”, also die letzte Überlebende in Horror-Filmen, die sich dem Mörder entgegenstellt. Meist von Angst und Furcht erfüllt, stellt sie sich ihrem Schicksal entgegen.

Doch dank der musikalischen Unterstützung des kalifornischen Rap-Duos Cam & China klingt “96 Neve Campbell” so, als ob sich lieber der Mörder in acht nehmen sollte: “Silent killers get it poppin, nigga, gang gang / Got my foot up in your ass like a G-string”.

Als perfekte thematische Mitarbeiter entpuppten sich Ho99o9, die in “Looking Like Meat” den alamierensten Moment auf der gesamten Platte liefern. Lief “Visions of Bodies Being Burned” bis zu ihrem Einsatz noch ruhig und minimalistisch dahin, strömen nun Störgeräusche, elektrisches Fiepen und disharmonische Sequenzen durch den Gehörgang.

Auch mit anderen Musikern hat sich Clipping. auf “Visions of Bodies Being Burned” zusammengetan. Greg Stuart, Michael Esposito, Jeff Parker und Ted Byrnes sind allesamt ausgezeichnete Free-Jazz-Musiker und brachten ihre eigene Handschrift mit ein.

Gerade “Eaten Alive”, eine Hommage an den gleichnamigen Film von Tobe Hooper, brilliert durch das Gitarrengenie Jeff Parker und Schlagzeuger Ted Byrnes als ein experimentelles Jazz-Rap-Epos.

“Secret Pieve” ist die Uraufführung einer Yoko Ono-Textpartitur aus dem Jahr 1953, in der die Musiker angewiesen werden, sich für eine Note, die sie spielen wollen, zu entscheiden, die den Wald von 5:00 bis 8:00 Uhr morgens widerspiegelt. Fast alle Gastmusiker aus “There Existed an Addiction to Blood” und “Visions of Bodies Being Burned” haben sich hier nochmal beteiligt – doch so richtig sicher fühlt man sich dabei irgendwie nicht.

Der Blutrausch und die Mordlust auf “Visions of Bodies Being Burned” enden dann schlagartig mit dem Morgengrauen in einem Wald und geben die falsche Hoffnung, dass diejenigen, die den Horror bisher überlebt haben, für immer sicher sein könnten.

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