Vertrauen und Offenheit sind die wichtigsten Grundpfeiler – You Me At Six im Interview

Auf der Suche nach Frieden, Freiheit und kollektivem Glück machten sich You Me At Six im vergangenen Jahr auf nach Thailand. Fernab der Heimat und abseits gängiger Strukturen und Alltagsrituale trieb die Band um Frontmann und Aushängeschild Josh Franceschi die Experimentierfreude ihres 2018er UK Top-6-Albums “VI” weiter voran. Satte fünf Wochen lang tüftelten die Briten an ihrem neuen Schaffen. Das Ergebnis liegt nun auf dem Tisch (“SUCKAPUNCH“) und präsentiert eine mehr denn je gefestigte künstlerische Gemeinschaft, die genau weiß was sie will. Kurz nach dem Start des zweiten Corona-Lockdowns trafen wir uns mit Sänger Josh Franceschi virtuell zum Interview und plauderten über globale Sorgen, permanentes Arbeiten und familiären Zusammenhalt.

MusikBlog: Josh, dieser Tage die wohl wichtigste Frage: Geht es dir und deiner Familie gut? Seid ihr alle gesund?

Josh Franceschi: Danke der Nachfrage. Ja, wir sind alle gesund. Es geht uns allen den Umständen entsprechend gut.

MusikBlog: Den Umständen entsprechend ist ein gutes Stichwort. Die Welt befindet sich nun schon seit fast einem Jahr im Ausnahmezustand. Wie hast du die vergangenen Monate erlebt?

Josh Franceschi: In erster Linie habe ich versucht, die Dinge so zu sehen wie sie sind. Die Akzeptanz war da ein ganz wichtiger Schlüssel. In solchen Zeiten ist es wichtig, eine Balance zu finden. Es ist aber auch wichtig, in den Momenten, in denen man sich nicht gut fühlt, zu seinen Gefühlen zu stehen. Es ist wirklich schwierig. Aber man ist nicht allein. Man hat seine Furcht, die Ängste und all die Sorgen mit der ganzen Welt gemeinsam. Das sollte man sich auch immer wieder vor Augen halten.

MusikBlog: Alle warten auf die große Wende, das Licht am Ende des Tunnels. Wenn es soweit ist, geht’s dann einfach so weiter wie vor Corona? Oder denkst du, dass sich Grundlegendes ändern wird?

Josh Franceschi: Ich hoffe schon, dass sich was tut. Ich habe in der letzten Zeit viel über mich gelernt. Und ich denke, dass es vielen anderen Menschen da draußen genauso geht. Wir müssen einfach wieder zu mehr Menschlichkeit finden. Wir müssen uns wieder mehr gegenseitig unterstützen und füreinander da sein. Wir müssen auch unser Blickfeld erweitern und unsere Umwelt mehr mit einbeziehen.

MusikBlog: Trotz der schweren Zeiten muss es irgendwie weitergehen. In eurem Fall bedeutet das: Die Fans dürfen sich dieser Tage über den Nachfolger von “VI” freuen. “SUCKAPUNCH” heißt das neue Studioalbum. Ein interessanter Titel. Es gibt auch einen gleichnamigen Song auf dem Album.

Josh Franceschi: Unserer Meinung nach passt der Titel total gut zum Album. Dabei spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Wir hatten beispielsweise in der Vergangenheit noch nie einen einzelnen Begriff als Albumtitel. Das fanden wir schon mal ziemlich spannend. Dann ist da die Energie des Wortes. Das passt irgendwie auch wunderbar zum Sound des kompletten Albums. Ich weiß nicht, der Titel ist sehr stark, präsent und greifbar.

MusikBlog: Das letzte Album erschien vor zwei Jahren. Gab es einen bestimmten Punkt, an dem ihr gemerkt habt, dass es in punkto neuer Songs wieder in den Fingern kribbelt?

Josh Franceschi: Wir haben in der Vergangenheit gelernt, dass es für uns als Band nur wenig Sinn macht, nach Zeitplänen zu arbeiten. Uns geht es besser, wenn wir unsere Ideen gleich bearbeiten und festhalten. Wir haben schon in der Woche nach der Veröffentlichung des letzten Albums mit dem Schreiben neuer Songs angefangen. “What’s It Like” entstand in dieser Phase. Wir haben während des Tourens immer wieder Sachen aufgenommen. “Kill The Mood” haben Max und ich zusammen in Los Angeles geschrieben. Es war also eher ein stetiger Prozess.

MusikBlog: Musikalisch setzt ihr da an, wo ihr mit “VI” aufgehört habt. Gleichzeitig geht ihr aber auch noch einen Schritt weiter. Das Album ist extrem facettenreich. War das so geplant?

Josh Franceschi: Eigentlich hatten wir kein Konzept und auch keinen Masterplan in der Tasche. Was uns nur wichtig war: Das Album sollte für sich allein stehen. Das war die einzige Marschroute. Wir wollen nicht stagnieren. Wir wollen offen sein, und all die Dinge mit einbeziehen, die uns interessieren. Wir sind nun mal fünf verschiedene Persönlichkeiten, die ihre ganz individuellen Vorstellungen und Wünsche haben. Schlussendlich ging es darum, ein Album zu produzieren, das uns als Band begeistert – denn wir sind alle auch irgendwie Fans der Band. Und als Fan freut man sich natürlich, wenn das neue Album die Erwartungen erfüllt. Und genau das ist passiert.

MusikBlog: Ihr habt “SUCKAPUNCH” im fernen Thailand aufgenommen. Was war der Grund dafür?

Josh Franceschi: Wir sind im Kollektiv, aber auch jeder für sich, im Vorfeld der Aufnahmen durch sehr emotionale Zeiten gegangen. Wir haben uns dann dazu entschlossen, etwas Abstand von den gängigen Routinen zu finden. In Thailand konnten wir total fokussiert arbeiten. Dort hat uns nichts abgelenkt. Es war für uns alle eine unheimlich lehrreiche und spannende Erfahrung.

MusikBlog: Ihr seid jetzt schon ziemlich lange im aktuellen Line-up unterwegs. So viel Zusammenhalt und Kontinuität ist in der Musikbranche selten geworden. Was ist euer Harmonieschlüssel?

Josh Franceschi: Am Ende des Tages geht es um den Zusammenhalt. Als Band ist man oftmals über einen längeren Zeitraum zusammen. In dieser Zeit wächst man zusammen wie eine Familie. Wenn man dieses Grundgefühl pflegt, und das Menschliche und das Miteinander stets über alles andere stellt, dann steht einer langfristigen Bindung, in der Vertrauen und Offenheit die wichtigsten Grundpfeiler sind, nicht mehr viel im Weg.

MusikBlog: Momentan steht euch das Coronavirus in vielen Bereichen im Weg. Wie sehen eure Planungen für die kommenden Monate aus?

Josh Franceschi: Nun, wir promoten jetzt erst einmal das Album. Dann werden wir sehen, was die Zeit bringt. Für Mai und Juni sind wieder Shows und einige Festival-Auftritte geplant. Aber dafür gibt es leider keine Garantie. Wir müssen einfach abwarten und das Beste hoffen. Was anderes bleibt uns leider nicht übrig.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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