Ein Album voller Gedichte aus der Feder von jemand anderem aufzunehmen, klingt so, als wäre die eigene Kreativität ziemlich eingeschränkt. Masha Qrella belehrt uns auf ihrer jüngsten LP „Woanders“ eines Besseren und packt Lyrik voller Tristesse, Sehnsucht und Verlorenheit in 17 Stücke, die man schwer aus dem Ohr bekommt.

Die Entstehungsgeschichte der neuen Platte ist ungewöhnlich: Qrella bekam zufällig einen Roman von Marion Brasch in die Hände und war sofort von ihrer Familiengeschichte fasziniert. Dann setzte sie sich weiter mit dem Werk von deren verstorbenen Bruder auseinander und inszenierte schließlich Konzerte, bei denen sie mit Andreas Bonkowski und Chris Imler die Gedichte von Thomas Brasch performte.

Und für alle, die damals nicht dabei sein konnten, gibt’s jetzt „Woanders“. Für die gebürtige Ostberlinerin ist es die erste Platte, die sie komplett auf Deutsch aufgenommen hat.

Und die kann sich sehen lassen – auch wegen des persönlichen Bezugs, den Qrella zum Schriftsteller hat. In einem Essay attestierte sie ihm, vorausgesehen zu haben, worunter unsere Gesellschaft heute leiden würde – nämlich „am Verlust und Zusammenbruch der eigenen Persönlichkeit.“

Mangelnde Persönlichkeit kann man Masha Qrella dagegen kaum unterstellen: Mit dem wilden Mix aus New Wave, Indie und Electronica, für den sie bekannt wurde, vertont sie auch auf „Woanders“ die fremden Texte und bleibt sich dabei selbst treu.

Das hypnotische „Lied“ eröffnet dabei das Album, der sehnsuchtsvolle Track „Das Meer“ ist ein beeindruckendes Duett mit Dirk von Lowtzow, auf „Märchen“ hat sie sich Unterstützung von Tarwater und Marion Brasch persönlich geholt.

Zu monotonem, pressendem Beat singt sie mit Andreas Spechtl (Ja, Panik) von „Maschinen“ und deren Beziehung zu Menschen, auf „Hure“ verwirrt Masha nicht nur durch die expliziten Inhalte, sondern auch durch die süßliche Melodie, in die sie die Trennungsgeschichte packt.

Ein Potpourri aus teilweise traurigen, mitunter ziemlich gesellschaftskritischen Alltagsgeschichten also. Die häufig zurückhaltende Instrumentierung der Tracks sorgt dafür, dass die Stimme den Raum bekommt, den die Gedichte verdienen – und dabei merkt man der Künstlerin an, dass sie sich mit dem Werk von Thomas Brasch wirklich verbunden fühlt.

Auf die Idee, dass Masha Qrella keinen der Texte auf „Woanders“ selbst geschrieben hat, würde man gar nicht kommen, wenn man es nicht besser wüsste, weil ihre Stimme mit so viel Überzeugung mit den Zeilen Braschs verschmilzt. Ein Album, das für Literatur-Fans und Musikfreunde gleichermaßen interessant ist.

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