Es ist immer einfacher, über Worte zu reden – PeterLicht im Interview

Die Welt ist krank, keine Frage. Auch PeterLicht sieht dieser Tage mehr Schatten als Licht, wenn es um den globalen Ist-Zustand geht. Zum Glück weiß der Kölner aber, wie und vor allem mit welchen Mitteln man den drohenden Untergang noch verhindern kann. So darf sich jeder glücklich schätzen, der daheim noch genug “Beton Und Ibufrofen“ rumliegen hat. Mit seinem neuen Album zieht Peter Licht in den Kampf gegen all die Krankheiten unserer Zeit. Wir trafen den Kölner Sound-Tausendsassa zum Interview und sprachen über gesellschaftliches Unwohlsein, das Licht am Ende des Tunnels und den Zauber des Facettenreichtums.

MusikBlog: Meinrad, du bist schon ziemlich lange im Musikgeschäft unterwegs. Dieser Tage erscheint dein neuntes Studioalbum „Beton Und Ibuprofen”. Welchen Stellenwert hat eine Albumproduktion für dich?

PeterLicht: Die Fertigstellung eines Studioalbums ist die Basis. Darauf baut sich alles auf. Ich bin deswegen auch immer wieder aufs Neue sehr aufgeregt und gespannt, wenn es in Richtung Zielgerade geht. So eine Produktion ist das Ergebnis einer krassen Notwendigkeit. Man duelliert sich mit sich selbst und mit anderen Menschen. Und man spürt eine Zuspitzung von all den Dingen, die gerade so stattfinden. Und irgendwann ist dann dieses Gefühl präsent: Das ist es jetzt! Das ist schon ziemlich krass und auch sehr speziell.

MusikBlog: Ist das große Ganze jetzt “corona-bedingt” noch ein bisschen spezieller?

PeterLicht: Naja, Fakt ist: Das Album passt jetzt mit seiner Stimmung und den inhaltlichen Themen natürlich super in die Zeit. Geplant war das aber nicht. Eigentlich hatte ich die Grundlage des Albums bereits Ende 2019 im Kasten. Dass das Zeitgeschehen die Albumthematik dann noch so einfängt, das hätte ich natürlich nie gedacht.

MusikBlog: Lange Zeit stand auch der Albumtitel “Society Of Depression” im Raum?

PeterLicht: Ja, das war so der Banner über dem Ganzen. Wie schon gesagt, die Grundthematik des Albums war nicht spontan und unerwartet präsent. Das sind ja Zustände, die schon ganz lange vor sich hin brodeln. Die Umweltzerstörung, der Klimaeffekt, die Flüchtlingskrise, der aufkeimende Faschismus: Das sind alles Krankheiten, geschaffen von einer Gesellschaft, die aus ihrer Depression nicht mehr rauskommt.

MusikBlog: Und jetzt auch noch Corona.

PeterLicht: Ja, und jetzt auch noch Corona… Aber dieser globale Lockdown ist auf eine ganz unerbittliche und fürchterliche Weise auch heilsam. Denn plötzlich kommt dieses ganze verkorkste Weltsystem zum Stillstand. Fragt man nach einer medizinischen Lösung, kommt man im Fall einer Depression auch zum Schluss, dass ein Rausziehen aus Stresssituationen, also ein persönlicher „Lockdown“, hilfreich sein kann. Nun wurde für eine ganze Gesellschaft auf die Pause-Taste gedrückt.

MusikBlog: Diese Pause legt viele Probleme offen. In deinen Songs skizzierst du ganz verschiedene Krankheitsbilder. Macht dir das nun gänzlich transparente Weltchaos irgendwie auch Hoffnung?

PeterLicht: Ich bin generell ein Freund der Hoffnung. Und ja, ich denke, dass die Offenlegung des Ganzen dazu führen kann, dass Menschen wieder vermehrt mit einem klaren Blick durchs Leben gehen. Was jetzt gerade überall stattfindet, ist unheimlich wichtig und zielführend. Die Leute reden wieder mehr miteinander. Überall wird diskutiert. Das ist der Anfang von Veränderung. Und das macht mir persönlich Hoffnung.

MusikBlog: Neben deinen Gedanken, Gefühlen und Ansichten, die bei Gesprächen mit dir und Berichten über dich häufig im Vordergrund stehen, ist da aber auch noch die Musik. Hast du manchmal das Gefühl, dass deine Musik innerhalb der Berichterstattung zu kurz kommt?

PeterLicht: Für mich geht das Eine nicht ohne das Andere. Es ist natürlich immer einfacher, über Worte zu reden. Über Klänge zu reden ist ein bisschen schwieriger. Ich kann das auch nachvollziehen. Aber die Texte alleine wären für mich nur die Hälfte des Ganzen. Da ist ja auch diese emotionale Komponente. Und da ist die Musik dann ganz wichtig.

MusikBlog: Die neuen Songs lassen sich für eine Kategorisierung nur sehr schwer einfangen. War das so gewollt?

PeterLicht:  Ich hab da mehrere Phasen, in denen sich alles aufbaut. Meistens sammeln sich irgendwelche Melodien und Satz-Fragmente in meinem Kopf. Da geht’s dann erstmal nur um das oberflächliche Fundament. Wenn dann irgendwann Klarheit herrscht, öffne ich den Prozess. Dann mach ich mir Gedanken über die Instrumentierung. Das passiert entweder im Alleingang, oder aber mit den Leuten, mit denen ich für das jeweilige Projekt zusammen arbeite. Da ist dann Offenheit ganz wichtig. Ich bin da musikalisch nie wirklich festgefahren.

MusikBlog: So parkt dann beispielsweise ein knatternder Rocker wie “Beton Und Ibuprofen” neben einer beschwingten Pop-Nummer à la “Wenn Du Traurig Bist”.

PeterLicht: Genau. Für mich war auch wichtig, dass das Album einen leicht cineastischen Touch bekommt. Abwechslung und Facettenreichtum sind dann automatisch das Ergebnis. Was die Leute dann später mehr oder weniger mögen ist für mich immer eine ganz spannende Geschichte. Ich meine, ich komme ja aus dem Punk und Grunge. Daher passt so ein Song wie “Beton Und Ibuprofen” natürlich gut ins Bild. Aber es gibt eben auch ganz andere Sounds auf dem Album. Da will ich jetzt gar keinen Favoriten auswählen. Ich hätte damals auch nicht gedacht, dass “Sonnendeck” so durch die Decke geht. Aber man steckt nicht in den Leuten drin. Diese Ungewissheit lässt dann immer wieder aufs Neue eine aufregende Spannung entstehen.

MusikBlog: Das macht viel Lust auf die Live-Umsetzung, wann auch immer es dazu kommt…

PeterLicht: Ja, das stimmt. Das wird bestimmt nochmal eine Challenge. Aber das sind Dinge, die ich in der momentanen Situation nicht wirklich greifen kann. Dafür ist die Situation einfach zu speziell, und die die Zukunft zu ungewiss.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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