Facetten zeigen, hat sich im Pop im Laufe der Jahre oft bewährt. Viele Künstlerinnen und Künstler nutzen gleich mehrere Alben, um völlig neue Brandbreiten ihrer Musik zu zeigen. Charlotte Cardin schafft es direkt auf ihrem Debütalbum „Phoenix“, mehrere Seiten von sich zu präsentieren.

So verspricht der Opener und gleichzeitige Titelsong verträumte Bedroom-Pop-Atmosphäre à la Clairo. Die sanften Synthie-Sounds kommen im Lo-Fi-Gewand daher, der Gesang ist teilweise klar und teilweise verzerrt.

Der Song hat Hitpotenzial. Und das, obwohl die Melodie nur schleppend vorangeht und immer wieder von Tempo-Wechsel unterbrochen wird. Die Hauptrolle spielt aber ohnehin Cardins beeindruckender Gesang.

Denn auch die Stimme der kanadischen Songwriterin ist wandelbar: Charlotte Cardin wechselt von sanft zu rau, von temperamentvoll und dominant zu zurückhaltend. Und das auch innerhalb eines Songs. Cardin scheint keine Angst zu haben, mit ihrem Gesang auszureißen. Zu wilde oder gar schiefe Töne haben auf „Phoenix“ aber keinen Platz.

Auch die Vorabsingle „Passive Aggressive“ spielt mit der Zurückhaltung von Bedroom-Pop und eignet sich dennoch für einen Mainstream-Durchbruch. Inhaltlich besingt Cardin eine toxische Beziehung. Im Kontrast dazu stehen Synthie- und Keyboard-Töne die eher nach 80er-Jahre-Tanzfläche klingen.

Der Synthesizer dominiert aber nicht in allen Songs auf „Phoenix“. Cardin zeigt auch ihre Leidenschaft für emotionale Balladen. „Anyone Who Loves Me“ wird beispielsweise nur von wenigen Klaviertönen begleitet. Im Vordergrund steht die Stimme der Songwriterin, der im Refrain von Background-Gesang begleitet wird.

Nach einem ähnlichen Schema funktioniert auch „Good Girl“, hier dringen allerdings auch starke Soul-Einflüsse durch.

Generell ist vom lockeren Schlafzimmer-Pop im Laufe von „Phoenix“ nicht mehr viel übrig. In diese Schublade passt Charlotte Cardin also schon mal nicht – und im Grunde auch in sonst keine. Ihre Songs haben sowohl das Potenzial, die Massen zu begeistern, als auch ein gut gehüteter Geheimtipp zu bleiben. Was davon besser wäre, ist schwer zu sagen.

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