Was? Schon wieder ein neues Album? Sufjan Stevens ist zwar bekannt dafür, sich nicht lange auf seinen Erfolgen auszuruhen, aber mit „Convocations“ erscheint bereits das dritte Album innerhalb von knappen 14 Monaten. Und das ist selbst für den Tausendsassa eine beachtliche Bilanz.

Und was für ein Batzen Musik das ist. 49 Songs vereint Sufjan Stevens auf „Convocations“, das sich wiederum in die fünf Teile „Meditation“, „Lamentation“, „Revelation“, „Celebration“ und „Incantation“ gliedern lässt.

Auslöser für diesen opulenten Opus ist leider kein erfreulicher: Im September vergangenen Jahres verstarb Stevens‘ biologischer Vater. Trauerbewältigung sieht bekanntlich bei allen anders aus, aber es ist kein Geheimnis, dass Künstler häufig ihre Kreativität als Ventil nutzen.

Dass Stevens in dieser Hinsicht keine Ausnahme bildet, weiß man seit seinem Album „Carrie & Lowell“, auf dem er mit einfühlsamsten Singer/Songwritertum seiner verstorbenen Mutter huldigt und sich selbst auf den Zenit dieses Genres katapultierte. Nie klang Trauer so bittersüß.

Aber wie gesagt – Trauer zeigt sich überall in anderen Formen. Wer also ein Sequel zu den zarten Tönen von „Carrie & Lowell“ erwartet, der wird bitter enttäuscht. Wenn man „Convocations“ mit einem Wort beschreiben müssten, wäre „Soundexperiment“ die erste Assoziation.

Die 49 Tracks – für Menschen mit Strukturzwang das größte Fragezeichen, warum „Incantation“ mit „Incantation IX“ endet und nicht wie alle anderen Teilalben zwei Hände vollmacht – sind komplett instrumental.

Es wäre ein Leichtes, „Convocations“ als hintergründigen Ambient-Teppich abzutun. Zumindest während des ersten Teils „Meditation“ wäre diese Bezeichnung größtenteils zutreffend.

Atmosphärische Synthieklänge starten eine unaufgeregte Reise durch eine Soundlandschaft, die den passenden Soundtrack zum Kopfkino liefern und mit ihrer Wärme und Geborgenheit dazu vergessen machen, dass es zwar Mai ist, die Temperaturen aber immer noch gegen den Gefrierpunkt gehen.

Aber spätestens mit „Lamentations“ ist es vorbei mit der wohligen Sicherheit. Immer öfter finden Dissonanzen ihren Weg und zerschneiden wie Schreie mit obskurer Schrillheit die Erwartungen, die man in den letzten Minuten manifestiert hatte. Bei „Lamentations IV“ würde man sich nicht wundern, wenn man am Himmel ein kleines Raumschiff mit Aliens entdecken würde.

Ohne Frage ist „Convocations“ ein ambitioniertes Unterfangen, das mit Sufjan Stevens schier endlos scheinende Kreativität gepaart dem Selbstverständnis von künstlerischer Freiheit einmal mehr unter Beweis stellt, was für ein Ausnahmekünstler Stevens ist.

Realistisch betrachtet, muss man aber auch sagen, dass – wüsste man nicht, dass Sufjan Stevens hinter „Convocations“ steckt und wäre nicht gerade Corona, weswegen die Auslastung des Terminkalenders der Meisten gegen null tendiert – es fraglich wäre, ob man die Zeit investieren würde, sich stundenlang durch die teilweise anstrengenden Passagen zur eigenen Absolution zu hören.

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