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Lucy Dacus – Home Video

Klein, süß, unschuldig. All‘ das sind Adjektive, die man Frauen häufig ungefragt attribuiert. Wenn man dazu noch so zuckersüß singt wie Lucy Dacus auf ihrem neuen Album „Home Video“, fällt es einmal schwerer, nicht in diese Falle zu tappen.

Dabei bewies schon Phoebe Bridgers auf ihrem aktuellen Meisterwerk „Punisher“ mit Zeilen wie „I hate living by the hospital / The sirens go all night / I used to joke that if they woke you up / Somebody better be dying”, dass es hinter dem scheinbar süßen Schleier verdammt düster aussehen kann.

Und hier wartet gleich das nächste Fettnäpfchen. Denn obwohl Lucy Dacus, Phoebe Bridgers und Julien Baker 2018 als weibliche Supergroup boygenius den Indie-Himmel betrohnten, sollte man nicht den Fehler begehen, die drei in eine Schublade zu stecken, nur weil alle weiblich sind und sich grob im Spektrum „Indie“ bewegen.

Aber zumindest in einer Sache können sich Dacus und Bridgers die Hand geben. Denn in „Thumbs“ verpackt Dacus ebenso meisterlich sinistre Textzeilen in wohlige Klänge wie Bridgers.

„I imagine my thumbs on the irises / Pressing in until they burst (…) I would kill him / If you let me” proklamiert Dacus über seichtem Synthie-Teppich ihre Phantasien über den Vater einer Freundin mit einer Ruhe, die einen an Hannibal Lecter erinnert, der zu feinster klassischer Musik die Innereien seiner Opfer verspeist.

„Thumbs“ demonstriert, wie wenig Lucy Dacus braucht, um einen komplett in ihren Bann zu ziehen.

Thematisch tritt Lucy Dacus mit „Home Video“ eine Reise in die Vergangenheit an. Dabei findet sie immer die richtigen Worte, ohne zu verklären:

„You used to be so sweet / Now you’re a firecracker on a crowded street“ heißt es beispielsweise in Opener „Hot & Heavy”, mit dem Dacus den perfekten Soundtrack für die offenen Fenster auf der nächsten Heimreise ins Jugendzimmer liefert.

Egal, ob rockig angehaucht wie in „First Time“, lässig countryesk zurückgelehnt wie in „VBS“ oder als melancholische Klavierballade „Christine“:

Lucy Dacus findet auf „Home Video“ nicht nur stets die richtigen Worte, sondern liefert darüber hinaus den Beweis, dass Verletzlichkeit keine Schwäche sein muss, sondern eine Stärke sein kann.

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