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Kim Gordon – The Collective

Kim Gordon ist in der Fortsetzung ihrer Solo-Ausflüchte weiterhin auf Folter und Unbehagen aus. Fünf Jahre sammelte die ehemalige Sonic-Youth-Frontfrau ihre Gedanken, um sie in Dissonanz und Übersteuerung zu verpacken.

Fünf Jahre zuvor gab Gordons erste richtige Solo-Platte “No Home Record” ihrer ikonischen Karriere einen neuen Schwung, der hart an der Grenze des gutmütigen Genusses kratzte, jedoch auch jegliche Mutmaßungen um Altersmilde zerfetzte.

“No Home Record” hatte nur noch wenig mit Gitarrenmusik zu tun, jedoch eher mit düsteren Lo-Fi-Beats, über die Gordon kryptisch spontane Gedanken in verschiedensten Stimmungslagen aufsagte.

An Melodien war kaum mehr zu denken und an Genrestrukturen schon gar nicht. Das zieht Gordon auf der neuen Platte “The Collective” nicht nur stringent weiter durch, sondern setzt dem schmerzlich befreienden Noise noch eine Schippe drauf.

Die Single “Bye Bye” etwa eröffnet das Spektakel mit erbarmungslosen Hip-Hop-Beats und schiefen, repetitiven Melodien, über die Gordon wie im Gedankenfluss Wörter und Satzfetzen im gleichgültigen, enervierten Ton von sich gibt.

So oder so ähnlich zieht sich der Grundtenor auch durch das restliche Album: Über die unbehaglichen Instrumentals gibt es die kratzigsten Spoken-Word-Einlagen, während der Noise-Gehalt von Track zu Track schwankt.

Mal ist Kim Gordon den lauschenden Ohren wohl gesonnen und lässt lediglich einige bohrende Geräuschkulissen aufsteigen, mal dreht die Künstlerin am Verzerrungs-Regler, um die Gesamtästhetik zum Gegenspieler des beruhigenden weißen Rauschens werden zu lassen.

An wenigen Stellen geraten die Beats sogar Lo-Fi-komprimiert, so dass man sich bestenfalls nostalgisch an die alten MP3s mit minderer Qualität erinnert wird oder wechselnd an der Musikanlage und dem eigenen Verstand zweifelt.

Spätestens beim nächsten Vocal-Einsatz kommt allerdings die Klarheit und es wird offensichtlich, dass Gordon Spaß daran hat, mit neuen Stilmitteln des Noise zu spielen und kritische Elemente einzusetzen, an die man vor etwa drei Jahrzehnten gar nicht gedacht hätte.

“The Collective” macht keinen Spaß, man hört das zweite Solo-Album von Kim Gordon nicht, um Freude an schönen Klängen zu finden. Man hört die Platte, vielleicht zwei- oder gleich viermal, um zu verstehen, worauf es der Musikerin ankommt.

Zum einen ist es, auch im Alter von 70 Jahren, das Neue und Aufregende in dem zu finden, was man schon seit langem tut. Zum anderen ist es, mit diesen neuen Elementen weiterhin zu experimentieren, Grenzen auszureizen und zu erkunden, wie weit der eigene Verstand einen bringt.

Es braucht einige Zeit, um diese Botschaften aus “The Collective” herauszukitzeln. Hat man sie dann aber, lebt es sich ganz ungeniert und die düsteren Welten der Platte sind nicht mehr so furchterregend, sondern einfach nur noch faszinierend.

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