Robotik für Fortgeschrittene. Tirzah wirkt zu Beginn ihres neuen Albums deutlich maschineller und beinahe fremdgesteuert im Vergleich zu ihrem Future-R’n‘B-Werk „Devotion“ aus 2018. Ganz ohne Aluhut lassen sich in ihrem Sound die Zeichen der Zeit herauslesen.

Sie vocodert sich mit Wollust in eine Elektro-Pop-Architektur, die tendenziell dystopischer ausfällt als so manch ein Industial-Krach, den sie mit Shoegaze-Gitarren am Ende von „Send Me“ sogar selbst andeutet.

Wenn die britische Künstlerin völlig teilnahmslos den Satz „You know I’m yours and your‘re mine“ eher gelernt aufsagt, als in irgendeiner Form zu singen, schon gar nicht mit Emotionen, dann offenbaren sich unweigerlich beklemmende Parallelen zu Alex Garlands Sci-Fi- und KI-Thriller „Ex-Machina“.

Ein Hauch von Emotionalität kommt erst mit dem Gastauftritt von Coby Sey, einer ihrer Langzeit-Kollaborateure, in „Hive Mind“, der sich in James-Blake-Manier elegant über den Dingen positioniert.

Von da ab wird die Platte sukzessive wärmer, gipfelnd in der Zuträglichkeit von „Sink In“, das auf angenehme Weise an Polica denken lässt. Hier entfaltet sich der diametrale Gegenpart zum Auftakt des Albums.

Zwischen beiden Polen scheut Tirzah nie die Bühne von FKA-Twigs oder Ibeyi, bleibt insgesamt aber trotzdem distanzierter. Schuld daran sind die monotonen Sounds und Melodieführungen. Nicht selten bleibt die Tektonik der Beats eines der lebendigsten Elemente: „Techno to techtonic place“.

Dabei entstand „Colourgrade“ eigentlich aus einer sehr persönlichen Perspektive. Nämlich nach der Geburt ihres ersten Kindes und vor der Ankunft ihres zweiten.

Sie beschreibt die frühe Mutterschaft als müde, surreal, isolierend und wunderschön. “You got me, I’ve got you / We made life, it’s beating”, singt sie in “Beating”, unterlegt mit einem einfachen Schlagzeugbeat und kribbelndem Rauschen.

Wenn die kargen Songs nach vielfachen Durchläufen doch im Stande sein sollten, mütterliche Wärme abzustrahlen, dann könnte hier ein echter Grower auf uns warten.

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