„Little Earthquakes“ und „Under The Pink“ – zwei Alben reichten, um Tori Amos eingangs der 90er als feste Größe im Musikbiz zu etablieren.

Weltweit erfolgreich, erreichten ihre ersten fünf Solo-Alben in ihrer musikalischen Wiege USA mindestens Platin-Status, ab dem Jahrtausendwechsel wandte sich das ehemalige „Cornflake Girl“ nach einigen künstlerischen Turbulenzen stilistisch von kommerziell orientierten Produktionen ab.

Tori entwickelte sich zur differenzierten, nicht zuletzt politisch ambitionierten Musikerin, deren feministisches Empowerment kürzlich in ihrem neuen Buch „Resistance” nachzulesen und auch dato via „29 Years“ und „Birthday Baby“ auf der „Ocean To Ocean“ Agenda steht.

Für jemanden, der seit dem Teenageralter live unterwegs ist und sein Leben normalerweise zwischen der Wahlheimat Cornwall und Florida, wo Familie und Freunde zu Hause sind, verbringt, darüber hinaus wenig Gelegenheiten auslässt, an allen Ecken der Welt nach Inspiration zu suchen, war der Lockdown eine Grenzerfahrung, der – dem Festsitzen auf der Insel geschuldet – viel Zeit für Selbstreflexion mit sich brachte.

Studio-Album Nummer 16 verarbeitet, wie so viele Veröffentlichungen im vergangenen Jahr, die individuellen Folgen der Pandemie. Darauf preist Tori Amos derartig viel Emotionen und persönliche Retrospektive ein, dass ihre Anspannung und Verzweiflung unter dieser Situation, die für sie beinahe im Depressiven mündete, physisch spürbar wird.

Exemplarisch dafür das Titelstück, dss die Zerrissenheit zwischen den Welten an die Küsten spült, werden im weiteren Verlauf der Platte „Addition Of Light Divided” oder „Swim To New York State” zu kompositorischen Fluchtpunkten für eine von der Furcht vor Verlust  aufgewühlten Seele in unruhigen Zeiten.

Noch immer flutet Tori Amos mühelos nur mit Stimme und Klavier – mit dem sie bereits als 2-Jährige eine Symbiose einging – den Raum, streichelt die Tasten, lässt sie vibrieren, mit „Flowers Burn To Gold“ ahnen, weshalb sie sich beim Komponieren an die Wurzeln ihres Songwritings erinnert fühlte, spannt die leidenschaftliche Protagonistin in 11 Kapiteln einen atmosphärischen, lyrischen Bogen vom Drama über die Melancholie hin zur Hoffnung.

Dass ihre Arrangements auch mit voller Kapelle funktionieren, ist bekannt, diesmal besonders gelungen der befruchtende Dialog des Band-Gefüges mit den forschen Streichern in “Spies” und selbst wenn die Instrumente glegentlich aus der Reihe tanzen, die knarzende Gitarre „How Glass Is Made“ eine rockige Note verpasst oder Drums die folkig-erdige Melodie von „Metal Water Woods“ befeuern: „Ocean To Ocean“ bleibt immer ein stimmiges Gefüge.

Tori Amos beeindruckt nach 30 Jahren Karriere nicht nur mit der Zeitlosigkeit ihrer Stimme, sondern auch mit der erhabenen Reife, die ihre Musik vom Gros auf dem Markt unterscheidet.

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