Ich habe die Leute einfach machen lassen – Chris Liebing im Interview

Chris Liebing ist viel rumgekommen in seinem bisherigen Leben. Als DJ-Ikone und Schranz-Prediger hat der Gießener mit dem Faible für harte Beats und urbane Sounds viele Orte und noch mehr Menschen kennengelernt. Auf seinen Reisen hat er natürlich auch viele Musiker getroffen. Mit einigen davon hat Chris Liebing kollaboriert. Auch auf seinem neuen Studioalbum “Another Day” wirken spannende Künstler mit, die dem großen Ganzen mit viel Markanz und Eigenständigkeit einen facettenreichen Anstrich verpassen. Kurz vor der Veröffentlichung von “Another Day” trafen wir uns mit Chris Liebing zum Interview und sprachen über das große Zurücklehnen, nachhaltige Kollaborationen und Freundschaften unter Gleichgesinnten.

MusikBlog: Chris, am 19. November erscheint dein neues Studioalbum “Another Day”. Nach dem ersten Hören haben mich zwei Dinge überrascht: nämlich die Tatsache, dass deine musikalischen Gäste diesmal richtig singen und der etwas gelockerte Grundsound.

Chris Liebing: Ja, das mit den Gesängen ist definitiv eine Neuheit. Da muss ich ein bisschen ausholen, um das zu erklären. Auf dem Vorgänger “Burn Slow” hatte ich ja auch schon Vocals von verschiedenen Gästen mit am Start. Aber da wurde eher gesprochen als gesungen. Diesmal bin ich ganz bewusst ein bisschen lockerer und aber auch selbstbewusster rangegangen. Ich habe die Künstler einfach mal machen lassen. Grundsätzlich wollte ich eine musikalische Fortführung von “Burn Slow”. Aber ich wollte auch weniger Vorgaben. Vom Soundbild her möchte ich eigentlich immer eine bestimmte Atmosphäre kreieren. Das ist mir wichtig.

MusikBlog: Du hast erneut mit dem Produzenten Ralf Hildenbeutel zusammengearbeitet. Wie wichtig war diese Fortführung für den Produktionsprozess und die klangliche Entwicklung von “Another Day”?

Chris Liebing: Ralfs Präsenz war enorm wichtig. Ich denke, dass wir uns beide weiterentwickelt haben. Wir sind uns für “Another Day” auf einer neuen Ebene begegnet. Beim letzten Mal (“Burn Slow”) gab es noch viele Situation, in denen wir erst einmal herausfinden mussten, wie der jeweils andere tickt. Diesmal war alles viel vertrauter und organischer. Ich wusste viel besser mit ihm umzugehen. Und auf der anderen Seite war es genauso.

MusikBlog: Neben Ralf hast du noch mit vielen anderen Künstlern zusammengearbeitet. Welche Kollaboration hat denn rückblickend die größten Spuren hinterlassen?

Chris Liebing: Da muss ich natürlich zuerst an die Zusammenarbeit mit Miles Cooper Seaton zurückdenken. Miles ist ja leider kurz nach unserer Kollaboration bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das war ein unglaublicher Schock für mich. Ich hatte mit Miles ja schon auf “Burn Slow” zusammengearbeitet. Das war so ein tolles, entspanntes und kreatives Arbeiten. Ich wusste damals schon, dass ich unbedingt nochmal was mit ihm machen will. Ich kann mich noch an endlose Telefonate mit ihm erinnern, die immer einen tollen persönlichen und auch musikalisch wertvollen Vibe hatten. Er war ein ganz großartiger Mensch und natürlich auch ein begnadeter Künstler. Leider wurde er viel zu früh aus dem Leben gerissen.

MusikBlog: Jeder Verlust schmerzt. Aber in diesem Fall kommt auch noch das sehr junge Alter hinzu.

Chris Liebing: Ja, Miles wurde lediglich 41 Jahre alt. Das ist wirklich unbegreiflich.

MusikBlog: Ich habe gehört, dass die Zusammenarbeit mit Tom Adams eher zufällig zustande kam. Stimmt das?

Chris Liebing: Tom habe ich kurz vor der Pandemie in Berlin getroffen. Daniel Miller (der Chef des Labels Mute) hat den Namen ins Spiel gebracht. Wir haben uns dann mal ganz unverbindlich getroffen, und Tom hat dann auch gleich zwei Instrumentals (“Circles”, “Hollow Town”) mitgenommen. Ein Tag später rief er mich dann an, und meinte, er habe schon ein paar Sachen eingesungen. Das war aber total untertrieben, denn was er da über Nacht gemacht hat, hatte in punkto Melodie und Struktur bereits Hand und Fuß. Das war wirklich unheimlich beeindruckend. Das war auch so der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich das Ganze diesmal einfach mehr laufen lassen sollte. Ich habe mich dann so ein bisschen zurückgelehnt und die Leute machen lassen. Das hat auch super geklappt.

MusikBlog: Im Dezember 2019 kam dann Daniel Miller nochmal zu euch ins Studio…

Chris Liebing: Ja, das war ziemlich irre. Daniel kam mit seinem ganzen Modularsystem zu uns nach Frankfurt und meinte: “Jungs, da fehlt noch ein bisschen edge in euren Songs.” Er hat dann alle Songs nochmal ein bisschen bearbeitet, was die Qualität des Ganzen dann um das Zehnfache erhöht hat. (lacht)

MusikBlog: Du hast deine Karriere lang mit den verschiedensten Künstlern zusammengearbeitet. Und doch präsentiert man sich ja als DJ ja irgendwie auch als Ein-Mann-Projekt. Wie begegnen sich die erfolgreichen DJs dieser Welt eigentlich untereinander? Kocht da jeder sein eigenes Süppchen oder schließt man da im Laufe der Jahre auch enge Freundschaften?

Chris Liebing: Da sind in der Tat sogar sehr viele Freundschaften entstanden – in meinem Fall auch sehr, sehr enge Freundschaften, wenn ich da nur an Matt Edwards (Radio Slave) oder Ali Shirazinia (Dub Fire) denke. Viele meiner engsten Freunde kommen wirklich aus der Szene. Diese Leute kenne ich schon seit 20 Jahren. Natürlich gibt’s auch mal Konkurrenzgedanken. Aber wenn man den Umgang mal mit dem in der Trance-Szene vergleicht, dann ist das schon schön mit anzusehen, wie man sich alljährlich auf Festivals begegnet – nämlich mit ganz viel Respekt.

MusikBlog: Ich habe letztens ein Video aufgeschnappt, in dem du den Leuten zeigst, wie man vor vielen Jahren zur Musik von The Cure getanzt hat. Sind das deine ersten musikalischen Inspirationserinnerungen?

Chris Liebing: Die erste Musik, die mich wirklich abgeholt war, waren die Songs von Abba. The Cure kam dann erst später. Mit 16, 17 bin ich viel unterwegs gewesen. In Gießen und Umgebung war die Szene extrem offen. Ich war mit Kumpels irgendwo in einem Rock-Laden und bin dann nachts um eins noch weitergezogen in einen anderen Laden, wo nur Pop gespielt wurde. Das war so ein großes Miteinander, das mich musikalisch auch irgendwie geprägt hat.

MusikBlog: Die gute alte Zeit.

Chris Liebing: Ja, absolut. Ich war damals musikalisch total all over the place. Und ich fand’s richtig cool so.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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