Auf Streifzug durch die Nacht mit Olly Alexander: Das ist nicht der Titel einer billig produzierten Dokumentation, sondern die Situation, in die das Hören des dritten Years-&-Years-Albums “Night Call” katapultiert.

Diese Platte ist nämlich die erste, seit sich das Line-Up der britischen Band radikal reduziert hat. Frontmann Olly Alexander übernahm den ganzen Laden, seine Mitstreiter Mikey Goldsworthy und Emre Türkmen wurden in den Ruhestand versetzt.

Die Fokussierung auf den künstlerischen Ausdruck Olly Alexanders kann graduell in der gesamten Diskografie der Synth-Pop-Band nachvollzogen werden. Während der Sänger nämlich Schritt für Schritt zur LGBTQ-Legende wurde, stieg auch der Anteil an selbstreferenziellen Texten an. Parallel dazu fügte der Pop-Entwurf immer mehr Ebenen hinzu, bis er einen nahezu majestätischen Klang erreichte.

“Night Call” reiht sich indessen nahtlos in diese stetig zunehmende Opulenz ein, wobei der Titel bereits die grundlegende Stimmung der Platte andeutet. Mit der besungenen Nacht ist natürlich nicht so eine gemeint, die seit Pandemie-Zeiten zur Norm geworden ist: Solange Netflix gucken, bis man einschläft – oder einfach direkt um 21:00 Uhr ins Bett fallen.

Years & Years beschwört den Geist der verlorenen Partynächte wieder auf. Dafür karrt er einen ganzen Berghain an Beats und Synthesizer an, musikalisch orientiert sich das Album erneut an den Achtzigern.

Und wenn Olly Alexander Feiern geht, dann scheinbar nicht so gerne alleine. Jeder Song des Albums kreist deswegen konsequent um das Verlangen nach einem Gegenüber, mit dem man diesen Ausgehtag verbringen kann.

Dafür rollt der großartige Opener “Consequences” erstmal den Dancefloor aus und wenn sich die Discokugel einmal schön dreht, wird sie auch nicht mehr angehalten. Zeit für die Partner*innen-Suche!

“20 Minutes” etwa thematisiert die große Sehnsucht nach einer gemeinsamen Partynacht geradeheraus. Sehnsucht ist ohnehin das große Stichwort: Die gibt es in den beiden Stücken “Crave” und “Intimacy” in besonders hingebungsvollem Rahmen, auf die großen Beats wird hier verzichtet, die Songs fließen zwischen Kopfstimme und Verlangen dahin.

Insgesamt macht Years & Years auf “Night Call” aber keine Spielchen, sondern liefet 16 Mal puren Pop ohne Schnörkel. Das mündet im großen Finale “A Second To Midnight” mit Queen Kylie Minogue und erntet damit endgültig den Titel einer smoothen Party-Platte ganz ohne Skipper – aber auch ohne große Experimente.

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