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Dem wollte ich rationalen Optimismus entgegenstellen – Get Well Soon im Interview

Der Film- und Studiomusiker Konstantin Gropper hatte schon immer einen Hang zur Opulenz, aber selten klang sein orchestrales Solo-Projekt Get Well Soon hoffnungsfroher als sein neues Album „Amen“. Dabei ist sein siebtes Album in mehreren Lockdowns und mehrere Katastrophen nach dem Vorgänger „The Horror“ entstanden. Ein Interview über Optimismus, Kontrollwahn, Überwältigungspop und warum ihm Corona auch Glück brachte.

MusikBlog: Konstantin, dein neues Album als Get Well Soon heißt „Amen“. Bist du auf deine jungen Tage etwa religiös geworden?

Konstantin Gropper: Nee, ursprünglich war „Amen“ als selbstbetiteltes Album gedacht, also Get Well Soon, weil der Bandname schon so gut zum Kernthema Hoffnung passt, dass man eigentlich nur noch ein Ausrufezeichen dahinter stellen müsste. “Amen” kam mir dann aber präziser vor, um eine Affirmation mit Punkt dahinter zum Ausdruck zu bringen. Mit Religion hat das nur insofern zu tun, als ich das Album als Kampfansage an den Anspruch der spirituellen Welt sehe, Hoffnungsfreude für sich zu pachten. Dem wollte ich rationalen Optimismus entgegenstellen.

MusikBlog: Rationalen Optimismus?

Konstantin: Einer, der nicht blind ist, also nicht leicht zu täuschen, sondern ein Optimismus auf dem schmalen Grat zwischen „alles geht den Bach runter“ und „wird schon werden“. Die Grundvoraussetzung, um kreativ tätig zu werden, ist ja der Glauben daran, dass die Zukunft nicht nur dunkel ist.

MusikBlog: Das Album versucht also, ausgerechnet aus der bedrückenden Situation mehrerer Lockdowns, in denen es entstanden ist, das Gegenteil, also Hoffnung zu ziehen?

Konstantin: Genau. Denn, was gäbe es Besseres als die Hoffnung auf das Bessere danach, ohne dass es genauso werden muss wie zuvor, als meine Platten ja interessanterweise düsterer waren als diese? Das hier ist übrigens die Kellersituation, in der „Amen“ entstanden ist (zeigt auf Bücher- und Plattenwände hinter sich).

MusikBlog: Und die unterscheidet sich von der Kellersituation vorheriger Platten?

Konstantin: Eigentlich nicht. Bevor ich meine Kompositionen irgendjemandem zeige, haben sie meist bereits eine Zeit der Isolation hinter sich. Musikalisch gesehen, war ich daher schon immer ein Kellerkind, das hier unten realisiert, was ich mir vorstelle. Und auch, wenn diesmal ein Teil davon in einem Ferienhaus entstanden ist, hat die Pandemie daran wenig geändert.

MusikBlog: Was genau hattest du dir denn 2021 unter diesem Album zuvor vorgestellt?

Konstantin: Zunächst relativ wenig. Wenn ich zu produzieren beginne, habe ich in der Regel keinen Stapel Notizen, auf den ich zurückgreife, sondern fange bei null an – bis aufs Thema. In diesem Fall: die Optimierung der Hoffnung mit der Frage, was eigentlich ein glückliches Leben ist. Dafür habe ich mir vorgestellt, welche Musik ich selbst in einer Situation wie dieser hören wollen würde, damit es mir danach besser geht. Aus dieser Playlist ist der Albumsound entstanden, der zum ersten Mal aus der Perspektive des Publikums denkt.

MusikBlog: Und früher?

Konstantin: Früher ging es nur um meinen Geschmack, worauf ich Lust hatte. Vielleicht auch, weil ich mir nicht anmaßen möchte zu wissen, was das Publikum von mir will. Und da dachte ich, vielleicht ein bisschen Optimismus.

MusikBlog: Ist dieses Denken Ergebnis irgendeines persönlichen Veränderungsprozesses oder bloß Resultat der Pandemie?

Konstantin: Wie andere auch habe ich die Isolation dazu genutzt, wegen fehlender Austauschmöglichkeiten ja auch nutzen müssen, über mich selbst zu reflektieren. Unter anderem bin ich dabei zu dem Ergebnis gekommen, riesengroßes Glück gehabt zu haben.

MusikBlog: Inwiefern?

Konstantin: Kein einziges Konzert absagen zu müssen, weiter arbeiten zu können. Etwa für Film und Fernsehen, wo ich die Scores für „How To Sell Drugs Online (Fast)“ gemacht habe oder Detlev Bucks „Wir können nicht anders“. Ich bin also bislang zumindest sehr viel besser durch die Pandemie gekommen als viele meiner Berufskollegen. Ich will also niemandem das Recht absprechen, über die Situation zu jammern; für mich hätte sich das falsch angefühlt. Erinnerst du dich, wie sich prominente Schauspieler über die Lockdowns beschwert haben?

MusikBlog: Die Aktion #alles dichtmachen, klar. Kleingeistiges Gefasel von Querdenkern wie Volker Bruch.

Konstantin: Das ja nun wirklich niemand bei Verstand hören will. Da musste ich eine andere Sichtweise wählen.

MusikBlog: Wobei dein Vorgängeralbum „The Horror“ förmlich in Katastrophen schwelgt, obwohl mittlerweile sogar noch ein Dutzend globaler Krisen hinzugekommen ist. Blühst du erst richtig auf, wenn es richtig scheiße wird?

Konstantin: Ich habe zumindest im Vergleich zum jeweils vorherigen Album schon immer ein bisschen antizyklisch gedacht – worin aber auch eine Portion Zweckoptimismus steckt, um nicht völlig zu verzweifeln.

MusikBlog: Deine Antwort auf Verzweiflung heißt Überwältigungspop?

Konstantin: (lacht) Den Hang zur Opulenz hatte ich schon immer, aber hier wollte ich in der Tat ab und zu eine Schippe zu viel drauflegen und leicht drüber zu sein. Das Theatralische ist gewollt, soll aber bei allem Humor nie ironisch klingen.

MusikBlog: Ironie ist im Pop ja oft auch Feigheit vor der eigenen Haltung…

Konstantin: Ganz genau. Ich mein’s ernst, will aber unterhaltsam sein. Meine Platten sind ja keine politikwissenschaftlichen Abhandlungen.

MusikBlog: Witzigerweise bist du hier in deinem Keller das Gegenteil von opulent.

Konstantin: Na, das wird ja psychologisch jetzt. (lacht) Die wenigsten Künstler sind doch privat deckungsgleich mit der Bühne; das wäre aus meiner Sicht auch ungesund. Andererseits habe ich kein Problem mit dem großen Wort Authentizität und das Theatralische, Opulente ist tief in mir drin. Ich war immer schon eher Bowie als Dylan. Wobei das Therapeutische am Musikmachen, wenn nicht sogar jeder Kunstrichtung, darin besteht, Seiten in sich auszuleben, die im Alltag verborgen sind. Privat neige ich jedenfalls nicht zum Pathos.

MusikBlog: Aber zur Kontrollsucht, könnte man meinen. Oder was hat es damit auf sich, dass du alle Instrumente selber einspielst und nur auf der Bühne mit Musikern arbeitest?

Konstantin: Als Produzent und Musiker sind Schreiben und Einspielen bei mir deckungsgleiche Prozesse. Weil ich als Produzent und Musiker von Film- und Fernsehmusik ständig weisungsgebunden bin, lasse ich mir bei Get Well Soon da nicht so gern reinreden und kriege von Plattenfirmen oder Management auch öfter zu hören, beratungsresistent zu sein.

MusikBlog: Ist es auf der Bühne schwer, deine musikalischen Babys dann in die Hände anderer zu geben?

Konstantin: Gar nicht, denn die Leute wissen ja, was sie spielen sollen, und kriegen auch kein grobes Material, sondern fertige Kompositionen. Andererseits mag ich es nicht, allein aufzutreten, weil ich, so komisch das klingt, nicht gern im Mittelpunkt stehe. Von daher ist dieses Loslassen wiederum recht einfach.

MusikBlog: Du hast in zwei Monaten 16 Konzerte geplant. Wie groß ist – Stichwort „Amen“ – dein Optimismus, dass die alle im vollen Saal stattfinden?

Konstantin: Sehr groß – auch wenn sich die Bedingungen nahezu täglich ändern. Sorge macht mir eher, wie viele von uns gesund, also corona-negativ bleiben. Von daher fahren wir erstmal durch sechs Länder los und schauen, was geht.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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