Ausgerechnet in der fragilsten Zeit seit dem zweiten Weltkrieg haben Get Well Soon keine Lust mehr auf Schwermut und Melancholie. Konstantin Gropper findet viel mehr, dass es Zeit wird, seinem Bandnamen gerecht zu werden.

An die glimmenden Funken der Hoffnung, die deshalb überall auf „Amen“ lodern, muss man sich zunächst genauso gewöhnen, wie an die ein oder andere Pet-Shop-Boys-Figur, durch die Groppers theatralische Stimme mit Zeilen wie „My home is my heart, always wise never smart“ schneidet.

Da würde der von Albträumen Groppers geprägte Vorgänger „The Horror“ nicht nur seinem Titel nach der Gegenwart deutlich gerechter, als die Zeit, in der es entstand: Vor dem Ukraine Krieg und noch vor Corona, sogar vor dem Brexit, Afghanistan, Flutkatastrophe und einer Million weiterer beschissener Dinge, von denen man 2018 noch verschont war.

Stattdessen geht dem Oberschwaben mitten in der Pandemie auf einmal alles Gejammer, allem voran sein eigenes, wahnsinnig auf die Nerven. In der  Ouvertüre „A Song For Myself“ werden deshalb auch direkt jene, die in Selbstmitleid und Melancholie ertrinken, von einem geballten Chor abgewatscht: „Stop your whining! You’re alright!“

Lediglich „Golden Days“ beginnt noch mit einer halbwegs vertrauten Melancholie, bei der die Basstöne angenehm an das Intro von David Lynch’s Serienklassiker „Twin Peaks“ erinnern. “Our golden days, let’s spend our pride in these fucked up times.“

Mit den „fucked up times“ ist die Pandemie gemeint. Eine Blütezeit für Soziologen, wie Gropper findet. „Was sind denn Songwriter anderes als die Soziologen des kleinen Mannes?” Seine Statements zu seiner sechsten Platte sind mindestens so gewieft und clever wie seine Lyrics und Songtitel.

Gestatten: „Accept Cookies“, One For Your Workout“, „I Love Humans“ – mit Musik zwischen Synth-Pop, Krautrock, Dream-Pop oder wunderbarem French-House in „Chant En Disenchant“, nicht selten bestückt mit Aphorismen aus Glückskeksen, dem Für und Wider des Individualismus, dem Streben nach Glück und der Bedeutung von Hoffnung.

Es ist unschwer zu erkennen, dass Konstantin Gropper mit seinem sechsten Album die Dinge weitaus positiver zeichnet als sie tatsächlich sind. Das war zu Beginn der Karriere von Get Well Soon auch mal genau andersherum.

Aber wie sagt der Songschreiber und Komponist so schön selbst: „Ich war tatsächlich schockiert herauszufinden, dass ich Optimist bin. Nach all den Jahren, in denen ich die großen Schwarzmaler von Thomas Bernhard bis Kurt Cobain bewundert habe, musste ich feststellen, dass ich nicht anders kann, als an ein ‚Happy End‘ zu glauben.“

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