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Gemeinschaft ist eines der wichtigsten Dinge für mich – Lucy Dacus im Interview

Mit ihrem dritten und bislang persönlichsten Album “Home Video” gelang es Lucy Dacus im letzten Jahr endgültig, die Indie-Bubble in ihren Bann zu ziehen. Mit diesem ist sie aktuell auf Deutschland-Tour. Wir unterhielten uns mit der Musikerin über neue Tour-Erlebnisse, Freundschaft und Literatur – und über Venues, die plötzlich schließen müssen.

MusikBlog: Hallo Lucy! Ich hoffe, dir geht’s gut – gerade, weil du ja gerade nach all den Monaten endlich wieder auf Tour bist?

Lucy Dacus: Es fühlt sich wirklich super an, vor allem, endlich wieder in Europa zu sein. Und hier hat sich echt einiges geändert! Bei unseren letzten Touren kamen hier immer recht wenig Menschen und jetzt sind die Konzerte plötzlich immer öfter ausverkauft. Für mich ist das Gefühl immer noch wahnsinnig schön, dass Menschen auf der anderen Seite der Welt meine Songs auswendig können. Dafür bin ich sehr dankbar.

MusikBlog: Das kann ich mir vorstellen! Jetzt hast du ja auch die neuen Songs von “Home Video” im Gepäck. Fühlt es sich anders an, diese live zu spielen?

Lucy Dacus: Ja, auf jeden Fall! Diese Songs sind viel spezifischer und persönlicher. Früher drehten sich meine Songs eher um bestimmte Themen und nicht um konkrete Geschichten. Dadurch lernen mich die Leute jetzt auch besser kennen, was sich auch etwas beängstigend anfühlt. Aber glücklicherweise gehen die Leute sehr respektvoll mit der Situation um.

MusikBlog: War es wegen dieser persönlicheren Songs denn auch aufregender, die Platte zu veröffentlichen?

Lucy Dacus: Total. Ich habe bis zum Release gar nicht gewusst, wie wichtig es war, ein paar Sachen loszuwerden. Das Album hat mir dabei geholfen, erwachsen zu werden. Mein Therapeut hat mir erzählt, dass viele Kulturen bestimmte Riten haben, um diesen Übergang ins Erwachsenenleben zu feiern. Aber in den USA gibt es so etwas nicht, weswegen viele gar nicht bemerken, dass ihre Kindheit vorbei ist. Ich habe es wirklich genossen, diesen Abschnitt endlich hinter mir zu lassen.

MusikBlog: Bei dieser Reise hast du dich ja auch sehr viel mit deiner Vergangenheit beschäftigt. Würdest du sagen, dass du generell eine nostalgische Person bist, oder hat sich das erst mit dem Album entwickelt?

Lucy Dacus: Ich möchte sehr gerne auf mein Leben zurückblicken und mich darüber freuen. Deswegen neige ich dazu, meine Erinnerungen zu editieren, die guten Erinnerungen zu behalten. Und diese ganze graue Zone voller unbequemer Momente und Dinge, die man aufarbeiten muss, schiebe ich gerne vor mir her. Aber ich finde, es ist die Arbeit wert, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

MusikBlog: Würdest du denn sagen, dass dieses ganze Musikerinnen-Dasein und das Tourleben einen Einfluss darauf haben, wie du über dein Leben nachdenkst? Ein wenig geht es darum ja im Song “Hot & Heavy“.

Lucy Dacus: Auf jeden Fall. Als Kind habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was ich mal werden möchte. Und jetzt weiß ich es ja. Es gibt erstmal keine Mysterien mehr, was das betrifft. Wenn ich länger von zuhause weg bin, merke ich, dass diese Fragen von damals beantwortet wurden. Aber ich merke natürlich auch, dass sich mein Zuhause ohne mich verändert. Nichts bleibt gleich – weder ich, noch die Orte. Früher war ich genervt, wenn meine Eltern beim Besuch ihrer Heimatstadt beklagten “Oh, wo jetzt diese Mall steht, war früher noch ein großes, freies Feld”. Und früher dachte ich immer “Mein Gott, Dinge ändern sich doch die ganze Zeit. Du wohnst hier nicht einmal mehr.” Aber jetzt bin ich selbst traurig darüber, dass mein Lieblingsvenue in Richmond, Virginia geschlossen hat. Und da sind diese ganzen hässlichen Neubauten, bei denen ich mir nur denken kann “Früher war es viel besser”. Jeder hat das Recht dazu, durch diese Entwicklung zu schreiten, um die Person zu werden, die von den guten alten Zeiten spricht. Das bin ich zwar nicht vollkommen, aber es ist auch eher ein Gefühl als eine Einstellung.

MusikBlog: Wir hatten uns ja vorher darüber unterhalten, dass du bald die neuen Songs live spielst. Gibt es eigentlich einen Track aus deiner Diskografie, den du nicht so geeignet für die Konzerte findest?

Lucy Dacus: Manchmal spielen wir “Please Stay” nicht. In dem Song geht es ja darum, dass jemand, den man liebt, sich nicht das Leben nehmen soll. Auch wenn ich glaube, dass manche Leute nur für diesen Song kommen, gibt es Abende, wo ich nicht das Gefühl habe, dass ich ihn schaffe. Oder natürlich, wenn die Leute eher in Tanzstimmung sind.

MusikBlog: Wo wir schon bei “Please Stay” sind – diesen Song und auch “Going Going Gone” hast du ja wieder mit Phoebe Bridgers und Julien Baker aufgenommen. Würdest du sagen, dass die beiden und auch andere Freund*innen von dir einen direkten Einfluss auf deine Solo-Musik haben?

Lucy Dacus: Total. Wir beeinflussen uns alle gegenseitig. Ein Grund, warum dieses Album tiefer und düsterer klingt als zuvor, sind die beiden. Sie sind beide so gut darin, in die Leere zu starren. Wir mögen es auch einfach, gemeinsam Sachen zu machen, weil wir uns so sicher und kreativ beieinander fühlen. Der Tag, an dem die beiden bei “Please Stay” und “Going Going Gone” mitgesungen haben, ist derselbe, an dem wir “Graceland Too”, “Favor” und “I Know The End” aufgenommen haben. Das war also echt ein großer Tag. Aktuell gibt es keine neue boygenius-Musik, aber es war schön, den Fans auf all unseren Platten ein bisschen von unserer Band mitzugeben.

MusikBlog: Spielt denn Gemeinschaft für dich als Person und Musikerin generell eine große Rolle? Im Song “Thumbs” würdest du ja sogar für Freund*innen morden.

Lucy Dacus: Ich würde sogar sagen, dass Gemeinschaft eines der wichtigsten Dinge überhaupt für mich ist. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich lieber eine gute Freundin als eine gute Person wäre. Ich priorisiere Freundschaft auf jeden Fall, meine Freundschaften sind genauso intensiv und vollwertig wie manche romantische Beziehung. Deswegen sind sie auch die wichtigste Inspirationsquelle in meinem ganzen Leben.

MusikBlog: Wie versuchst du denn, diesen gemeinschaftlichen Ansatz als Solo-Künstlerin auf die Bühne zu bringen? Spielen dabei deine Tour-Musiker*innen eine große Rolle?

Lucy Dacus: Ich liebe meine Backing-Band so sehr. Wir saßen erst gestern zusammen und haben darüber gesprochen, wie glücklich wir sind, dass wir das gemeinsam erleben dürfen. Alle von ihnen haben ihre individuelle Geschichte davon, wie sie Jahre lang versucht haben, in der Musikbranche Fuß zu fassen. Viele Jahre ging das bei uns ja nur darüber, dass ich meine eigenen Shows gebucht habe und wir auf irgendwelchen Böden geschlafen haben. Deswegen schätzen wir es sehr, dass wir jetzt einen Bus haben und Leute sich wirklich für uns interessieren. Die Atmosphäre ist also vor allem sehr dankbar. Ich habe echt das Gefühl, ich hätte das Spiel gehackt – ich würde niemals eine andere Band haben wollen.

MusikBlog: Vorher hattest du über Inspiration gesprochen. Bei Instagram hattest du vor kurzem einen Post deiner gelesenen Bücher des letzten Jahres gepostet. Ziehst du direkte Inspiration aus der Literatur?

Lucy Dacus: Ich glaube, ich ziehe sogar mehr Inspiration aus Büchern als aus Musik. Wenn ich zu inspiriert von Musik bin, habe ich Angst, Leute zu kopieren. Wenn ich aber ein Buch von vor 200 Jahren lese, gibt es keine Gefahr von Plagiarismus. Ich möchte immer selbst schreiben, wenn ich James Baldwin, Audre Lorde oder Mary Oliver lese. Es gibt eben manche Autor*innen, die die Welt so gut verstanden haben, dass ich die Welt völlig anders sehe, wenn ich durch ihre Augen gucke. Ich empfehle allen Musiker*innen, mehr zu lesen.

MusikBlog: Würdest du denn gerne selbst mal ein Buch schreiben?

Lucy Dacus: Eigentlich total gerne. Ich habe es auch schon versucht, aber meine innere Stimme sagt nur “Was denkst du, wer du bist?”. Ein Song ist so kurz, dass ich fertig bin, bevor die Stimme spricht, bevor die Selbstzweifel kommen. Aber nach ein paar Seiten für ein Buch denke ich mir schon “Was machst du da überhaupt?”. Wenn ich gut in Musik bin, aber schlecht beim Schreiben, werden die Leute es dann hassen? Das wäre für mich auch so enttäuschend. Ich habe viel zu großen Respekt vor Autor*innen, als dass ich eine schlechte sein möchte. Bevor ich also ein Buch schreibe, muss ich noch jede Menge interne Arbeit erledigen.

MusikBlog: Der gute alte Selbstzweifel… Aber viele Musiker*innen veröffentlichen ja ihre Lyrics als eine Art Gedichtband, vielleicht würde das ja gehen.

Lucy Dacus: Ich glaube, das wäre auf jeden Fall cool. Auch mit ein paar unveröffentlichten Songs, die ich stattdessen als Gedichte nutze. Eine gute Idee!

MusikBlog: Glaubst du, dass es bald dein Ding wird, auf einer Couch zu spielen?

Lucy Dacus: Ich hoffe nicht. Der Grund, warum ich das machen musste, war ja, weil ich so Rückenschmerzen hatte. Aber ich hatte echt das Gefühl, dass sich die Leute auf die Couch-Show gefreut haben und sich dann so dachten “Oh, sie steht. Naja, ist auch okay.” Deswegen habe ich mich gefragt, ob ich so eine jährliche Couch-Show machen soll. Aber ich bin wirklich froh, dass Leute es so positiv aufgenommen haben, statt enttäuscht zu sein.

MusikBlog: Ich fand es echt beeindruckend, dass du das durchgezogen hast. Viele hätten die Show bestimmt abgeblasen.

Lucy Dacus: Ich würde es Leuten aber nicht empfehlen! Viele meinten ja “Genau das sollten Musiker*innen tun!” und das denke ich überhaupt nicht. Jede*r hat das Recht dazu, Shows für jeden Grund, der für sie Sinn ergibt, abzusagen. Ich wollte es nur eben nicht und haben einen Weg gefunden. Aber man sollte nicht von seinen Lieblingsmusiker*innen erwarten, dass sie unter Schmerzen auftreten.

MusikBlog: Das natürlich nicht. Freust du dich denn auf die anstehenden Konzerte?

Lucy Dacus: Auf jeden Fall. Die letzte Show auf europäischem Festland ist in Paris und das ist besonders schön, weil ich hier auch meinen ersten Ausflug außerhalb der USA hatte, gemeinsam mit meiner Mom nach der High School. Das ist so ein Full-Circle-Moment. Und die allerletzte Tour der Show ist in Dublin in einem alten Theater, es gibt also jeden Tag etwas, worauf wir uns freuen können. Alleine auf das Essen!

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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