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King Hannah – Live in der Hebebühne, Hamburg

King Hannah. Großartiger Abschluss des Reeperbahnfestivals 2021. Für manche gleichzeitig der Beginn des Corona-Winters. Jetzt das Ende der Durststrecke und erstes Konzert seit einem halben Jahr.

Der Raum füllt sich. Beschwingte Freude gemischt mit Irritation über so viele Menschen. Offiziell 2G+ mit Tanzen und ohne Maskenpflicht. Erstaunlich viele verantwortungsbewusster als die offiziellen Regeln mit FFP2-Maske. Abstände im sehr gut gefüllten Raum größer als gewohnt. Zwei Jahre machen doch etwas mit einem.

Camille Camille als Support. Solo mit akustischer Gitarre. Verträumter Folk mit ätherischer Stimme. Sehr ruhig, minimalistisch. Trotzdem emotional intensiv und raumfüllend. Echte Freude und Erleichterung der jungen Belgierin über das aufmerksame und ruhige Publikum. Spricht Bände über das rücksichtslose Verhalten mancher während der Support Acts. Ihr letztes Stück auf Französisch entlässt uns gut eingestimmt in die Umbaupause.

Lange Wartezeit und viel Nebel. Es fühlt sich bereits normaler an, mit 200 anderen Menschen zusammen zu stehen. Dann „A Well-Made Woman“. Überraschende Eröffnung mit einem der spannendsten Stücke.

Mit den ersten Takten wird offensichtlich, wie intensiv sie die letzten sechs Monate gearbeitet haben. Dumpf drückt verzögert schlummernde Energie in den Raum. Psychedelik wabert förmlich greifbar durch den Raum. Es wirkt noisiger, ausgefeilter und intensiver als beim letzten Mal.

Als wäre das nicht genug zum Start – gleich danach noch „State Trooper“. Zwei der wenigen eingängigen „Hits“ gleich am Anfang eingesetzt. Die Gitarren schnarren zu unterschwellig bedrohlichem Gesang. Diese Aufwärmrunde hat alle sofort abgeholt. Stimmung könnte nicht besser sein.

„Foolius Caesar“ legt die Latte etwas später nochmal höher. Die Portishead-Anleihen der Studioaufnahme verblassen auf der Bühne. Hannahs Stimme lieblich in enger Symbiose mit dem Zerrenden der Gitarren. Wenn Craig seine Soundwände aufbaut, möchte man nicht mit seiner Gitarre tauschen. Das Spiel mit der abrupt geänderten Dynamik intensiviert sich. Die beiden Gastmusiker an Bass und Drums passen ins Spiel als wären sie schon immer Teil der Band.

Hannah auf der Bühne zwischen entrückt und abwesend. Blick unfokussiert in die Weite gerichtet. Manchmal ein überraschender Augenaufschlag, sie ist doch voll dabei. Kein Zucken in der Mimik, aber der ganze Körper lebt den Sound.

Craig vertieft in die Gitarre und seine eigene Welt. Ab und zu kurzes Erkennen, dass auch andere Menschen auf der Bühne stehen. Einen Preis für extrovertierte Bühnenshow wird werden die Liverpooler nie gewinnen. Brauchen sie zum Glück auch nicht.

Die erste Ansprache. Ein spezieller Abend. Die siebte Nacht der ersten Tour. Eine ganze Woche sind sie unterwegs. Schier unfassbar für Hannah. Das ist echt anders als „Hallo Hamburg“ beim 28sten Gig der 13ten Tour.

Ungewohnt klare Electronics eröffnen das Titelstück des Debütalbums. Refrain gesungen im Duett. “I’m Not Sorry, I Was Just Being Me” ist genau getimed, mit tiefem gegenseitigen Blick in die Augen. Die erste Interaktion zwischen ihnen und auch das erste Lächeln.

Die Soundwände verdichten sich immer mehr zu Wänden aus wahren Gewittern. Bis „It’s Me And You, Kid” den Auftritt schon fast als Partykracher beendet.

Band von der Bühne, Licht an, Pausenmusik an. Frenetischer Applaus will nicht abreißen. Eine gefühlte Ewigkeit, es nimmt nicht ab. Sichtlich irritiert und überwältigt kommen sie wieder. Damit haben sie offensichtlich nicht gerechnet. Die geplante Zugabe haben sie doch schon gespielt.

Aufgeregte Abstimmung auf der Bühne. „Meal Deal“ von der EP geht als knochentrockener Stampfer zum Schluss nochmal in die Beine. Emotionen gehen also doch. Strahlen über alle Gesichter. Überwältigung. „So viele haben sich die Mühe gemacht, zu planen auf ein Konzert zu gehen. Und auch noch Geld für Tickets ausgegeben.“ Wertschätzung geht in beide Richtungen. Vom Publikum auf die Bühne und zurück.

Und dann geht es wieder raus ins reale Leben mit unfassbarem Krieg und auch sonst oft nicht viel zu Lachen. Befreiend, dass King Hannah uns zwei Stunden mit anderen Gedanken geschenkt hat.

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