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Lucy Dacus – Live im Molotow, Hamburg

Ob es regnet oder nicht, das weiß man an diesem Aprilsonntag in der Hansestadt nicht wirklich. Die Straßen sind jedenfalls nass, als sich vor dem Molotow auf der Reeperbahn eine Schlange aus, teilweise weit angereisten, Fans von Lucy Dacus bildet.

Im Asphalt spiegelt sich noch nicht das neongewordene Nachtleben der Hamburger Konzertmeile, sondern der blaue Himmel, der immer wieder einen verstohlenen Blick durch die dichte Wolkendecke wirft. Es ist eine Zeit dazwischen. Zwischen den Jahreszeiten, die sich nicht so recht einigen können, ob Hagel im April noch angebracht ist (ist er nicht – finden wir) und zwischen zwei bezeichnenden Phasen der Live-Kultur.

Pandemische Bedingungen, die von allen Besucher*innen an diesem Abend vorbildlich – und im Interesse der Band – respektiert werden, treffen auf den dringenden Wunsch, Musik live zu hören, ohne Sitzplatz, mit Kaltgetränk.

Im Molotow angekommen, findet sich – vermutlich auch vom wechselhaften Wetter getrieben – schon, bevor der Support die Bühne betritt, ein beachtliches Publikum vor der Bühne ein. Fenne Lily darf den Abend eröffnen und könnte auch der Main-Act des Abends sein. In der ersten Reihe wird laut mitgesungen, in den hinteren zufrieden mitgewippt.

Fenne Lily scheint das selbst auch aufzufallen und zu gefallen. Schmunzelnd gesteht sie, dass ihre eigene Stimmung bis zum Auftritt nicht die beste gewesen sei und die Menge im Molotow ihr den Tag gerettet habe. Professionelles Rumgeschleime oder authentische Wertschätzung? Wir tippen auf letzteres.

Nachdem Fenne Lily auch in ihrem Set Bass und Gitarre schon voll aufdrehen durfte und die ersten Fans in der ersten Reihe sicherlich eine Pause vom unentwegten Mitsingen – mit Maske noch anstrengender, Respekt – gebrauchen können wird die Bühne langsam für Lucy Dacus hergerichtet. Viel verändert sich nicht. Die einen Gitarren werden gegen andere getauscht, ein Drumset durch die Gegend getragen und die Tür zum Eingangsflur des Molotow mehrfach geöffnet.

Die kühle Brise, die bei jedem Instrumentenwechsel denjenigen folgt, die für Ab- oder Aufbau zuständig sind, lässt für das Wetter Schlimmstes erahnen und das Publikum die stickige Wärme eines Klubs noch mehr wertschätzen. Viel Gemurmel und ein paar Nachzügler*innen später – das Konzert ist ausverkauft – betritt dann auch Lucy Dacus samt Band die Bühne und begrüßt die Zuschauer*innen mit “Triple Dog Dare” vom aktuellen Album “Home Video“.

Schnell stellt sich heraus, dass Fans von Fenne Lily – jedenfalls in diesem Fall – auch Fans von Lucy Dacus sind. Noch euphorischer klingt der Chor, der die musikalische Verdichtung in Dacus’ ersten Track des Abends begleitet und am Ende in einer Wand aus Gitarrensounds untergeht.

Auf “Triple Dog Dare” folgt mit “First Time” und “Addictions” eine Mischung aus Neuerem und Älterem und definitiv Tanzbarem, das noch mehr Bewegung in die Frontreihe bringt. Mit “I Don’t Wanna Be Funny Anymore” schafft es nur ein einziger Song ihres Debüt-Albums “No Burden” auf die Setlist für den Abend. Passend dazu setzt Lucy Dacus zwischendurch zum Stand-Up an, und dann doch nicht – bester Gag des Abends.

Besonders emotional wird es, auch auf der Bühne, bei “Thumbs”. Eine mitfühlende Schwere legt sich über die gebannte Menge, während Dacus die bestärkende Ballade über einen toxischen Vater singt. Der ruhigste Moment des Abends wird so auch zum intensivsten, weil das dauerhafte Wabern der Instrumente im Hintergrund die erdrückende Last einer Person spürbar macht, die statt bedingungsloser Liebe patriarchische Toxizität erfährt.

Dacus’ Empathie bewegt das Publikum, die Geschichte in “Thumbs” bewegt Dacus. Und so schweigen sich alle nach dem Song für einen kurzen Moment an, ehe der vielleicht lauteste Applaus des Abends Dankbarkeit ausdrückt und dankbar empfangen wird.

Was sonst noch passiert? Das einzige Cover des Abends ist Carole Kings “Home Again”. Den einzigen Sturz erlebt die Thermoskanne von Dacus, die von einem hilfsbereiten Fan umgehend wieder aufgerichtet wird, bevor sich der Inhalt über die ganze Bühne verteilt. Was wohl drin ist? Wir tippen auf Kamille und nehmen Wetten entgegen.

Die einzige kleine Enttäuschung für einige Fans ist die Ankündigung, dass es keine Zugabe geben wird. “Night Shift” ist der letzte Song und mit einem intensiven Abschluss auch ein würdiger Rausschmeißer, der die Menge auf die kalte Reeperbahn entlässt. Die Straßen sind immer noch nass und der Himmel dunkel. Endlich spiegelt sich doch das Nachtleben in den Pfützen vor der Großen Freiheit, so soll es sein.

Die Überraschung des Abends bleibt aber sicherlich, dass kaum jemand im Publikum Lucy Dacus zuvor schon einmal live gesehen hat, nicht einmal die textsichere Gruppe in der ersten Reihe. Die Abwesenheit von Konzerten und Kulturveranstaltungen bedeutet auch die Abwesenheit von prägenden Momenten, von geteilter Euphorie und Traurigkeit. Und wenn dieser Abend als Maßstab gelten kann, dann folgt auf die Zeit der Entbehrung eine Zeit der Dankbarkeit.

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