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Erdmöbel – Guten Morgen, Ragazzi

Ihre Musik ist melancholisch zwanglos, ihre Texte sind liebevoll. Die Kölner Band Erdmöbel spielt mit ihrer Musik schon seit Jahren eine bedeutende Rolle in der deutschen Indie-Popszene. Dabei bleiben sich die Musiker um Markus Berges stets treu, sind eigenwillig und nahbar, politisch und poetisch, wechseln zwischen Pop und Kunst.

Fast 30 Jahre Bandgeschichte haben Erdmöbel auf dem Buckel und mit “Guten Morgen, Ragazzi” ist ihr mittlerweile zehntes Album erschienen. Ein Album, dessen Sound man kaum adäquat in Worte fassen kann.

Seit ihrem letzten Album “Hinweise zum Gebrauch” sind vier lange Jahre vergangen. Und schon jenes strotzte so von virtuosen Texten und ausgeklügelter Musik. Die Erwartungen an “Guten Morgen, Ragazzi” sind also hoch – doch so viel vorneweg: man wird nicht enttäuscht.

“Guten Morgen, Ragazzi” ist durchweg überzeugend und charmant. Dies liegt auch daran, dass Erdmöbel den Hörer mit “Guten Morgen” direkt in das Album begrüßen. Der leichte Reggae-Ska-Gitarrensound gepaart mit einprägsamen Bläser-Melodien macht sofort gute Laune.

Mit “Bernoulli-Effekt” folgt auch gleich das nächste Highlight. “Mein Leben klebt an mit / Wir ein Duschvorhang […] Erklär mir nicht mein Leben / Hilf mir lieber das Wasser abdrehen.” – in den Texten von Erdmöbel steckt viel Schmerz, aber den Musikern ist es bewusst, dass man das nicht dramatisch zuspitzen muss.

So ist zwar “Bernoulli-Effekt” textlich auf einer sehr tiefgründigen Ebene, doch die sanfte und sommerliche Musik verpackt den Song in ein Gewand, das einen dennoch positive Gefühle  gibt.

Auch “Felicita”, “Palindrom” und “Das Mädchen auf den Stufen” funktionieren nach diesem Prinzip – melancholische Texte zu positiver Musik. Erst nach dem zweiten oder dritten Mal hören – zwei Stunden später – öffnen sich zwischen den Liedzeilen ganz neue Gedankenansätze, die man sofort nicht gehört hat.

Die Texte von Erdmöbel sind überaus poetisch, aber auch diffus und mehrdeutig. In den politischen Songs “Wir sind das Volk (Lass sie rein)” und “Beherbergungsverbot” stellen sie sich offen gegen den Nationalsozialismus und den in den letzten Jahren aufkommenden Querdenkern.

Dass es dafür nicht viel Worte braucht, zeigen Markus Berges & Co eindrucksvoll: “Ich bin nicht das Volk / Du bist nicht das Volk / Wir sind nicht das Volk / Ihr seid nicht das Volk”. Doch bei all dieser Kritik gibt der Song auch die Antwort: “Wir sind eine Menschenmenge”.

Musikalisch kann einem “Guten Morgen, Ragazzi” viel bieten – von feinen Arrangements, beruhigenden Bassklängen, Streichern und Bläsern. Das neue Album ist vielleicht orchestralischer als seine Vorgänger geworden, aber genau das macht irgendwie den Charme von Erdmöbel aus: neu, anders, aber zugleich sehr vertraut.

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