Keine Vorwarnung, kein seichter Anfang, kein Luftholen. „Baby Criminal“ kommt gleich zur Sache. Der Opener des neuen Albums „Cave World“ von Viagra Boys versetzt einen in Sekundenschnelle zurück in den Exzess ihrer Live-Shows.

Voller Druck ab der ersten Sekunde. Der konstant rollende Bass ebenbürtig dem Spiel des 2021 verstorbenen Benjamin Vallé. Die Gitarre jammert, das Schlagzeug treibt und das Saxophon quäkt an der Grenze zur gefälligen Disharmonie. Und natürlich der Gesang. Böse entrückt wie die Liveshows.

„Troglodyte“ nimmt eine Portion elektronisches Piepsen mit ins Repertoire und streut etwas Chaos. Das fordernd Treibende behalten die Viagra Boys bei. Der erste Eindruck bisher deutlich wuchtiger als die letzte Scheibe „Welfare Jazz“.

„Punk Rock Loser“ versetzt uns zurück in den langsam rollende Stampfmodus der ersten Scheibe. Teilweise aufgeräumt reduziert, Murphys Gesang ist fast seriös zu nennen. Wäre da nicht die ironische Selbstbetrachtung. „I ain‘t your average punk rock loser. I’m a Savage.“ Wahre Worte. Jedoch ganz klar ein Wilder mit Konzept und Talent.

„Creepy Crawlers“ trägt mit experimentellem Start in ausufernden explosiven Post-Punk Wahnsinn. Liegt vermutlich an den Chips in der Impfung?

Über Low-Fi Wummern mit quiekenden Gesangseinlagen geht es zu „Ain’t No Thief“. Krachende elektronische Prodigy-Beats aus den 90ern treffen auf fast gerappten Text, während Murphy sich als geldgeiler Sekten-Prediger mit Wunderheilungskräften betätigt. Dass sie sich nach eigener Aussage auf „Cave World“ mit Verschwörungstheorien beschäftigen, ist schwerlich zu überhören.

Nach einem kurzen Ausflug in rock’n’rolligere Gefilde schließt der letzte Track „Return To Monke“ den Kreis zum Opener. Alle Register auf Anschlag zeigen die Schweden noch einmal über mehr als sechs Minuten die ganze Bandbreite ihres Könnens. Krachender Sound mit hypnotisch überbordender Energie und vielschichtiger Noise löst sich auf in Samples mit wenig Optimismus.

Verwirrt stehen wir zwischen Affen, Impfungen und Chips in der “Cave World”. Viagra Boys lassen uns dem Sound der vergangenen neun Tracks (und drei Zwischen-Stücken) hinterhertrauern. Weniger ausgefeilt als „Welfare Jazz“ sind die meisten Tracks ein Garant für viel Erfolg bei den nächsten Touren.

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