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Viagra Boys (Credit Fredrik Bengtsson)

Viagra Boys – Welfare Jazz

Wer Viagra Boys einmal live gesehen hat, zählt nicht die Tage, sondern die Stunden bis zur nächsten Live-Show. So beginnt das Video zum Opener ihres neuen Albums „Welfare Jazz“ „Ain’t Nice“ genau da, wo das letzte Konzert aufgehört hat. Asozial aufgesetztes Taumeln und Austrinken fremder Alkoholika im (vermeintlichen) Delirium.

Das könnte herzerquickend abstoßend sein, wäre da nicht der Sound. Es knarzt und piepst zum treibenden Rollen der Rhythmus-Sektion und dem liebgewonnen schrägen Saxophon.

Der Gesang von Sebastian Murphy gibt den Rest. Es geht nur nach vorne, Flashback zu „Street Worms“, dem einzigartigen letzten Album.

Das für Viagra Boys unerlässliche und für Punk sonst eher weniger bekannte Saxophon bäumt sich in „Cold Play“ kurz alleine auf. Um dann mit „Toad“ den Spin deutlich herumzureißen. Vom knarzig lauten Pogo-Sound wendet sich der Ausflug in Richtung Rock’n‘Roll angelehnter Klänge.

Nach einem kurzem Poetry Slam Beitrag geht es minimalistisch mit oberflächlich dreckigen Low-Fi weiter. In „Into The Sun“ zeigen die fünf Stockholmer, wie wenig Lärm gelernte Musiker und musikalisch begabte Tätowierer brauchen, um abgrundtiefen, melancholischen Druck zu zaubern.

Zur Vermeidung von Depressionen hüpfen die Synthesizer bei „Creatures“ fröhlich über dem gewohnten Sound. Herrliche Ironie. Motivierte elektronische Obertöne im krassen Gegensatz zum darunterliegenden Viagra Boys Sound und dem Inhalt.

Das Instrumental „6 Shooter“ treibt das charakteristisch unaufhaltsam dreckige Rollen mit Quieks auf die Spitze. Das Sax beginnt im Kontrast dazu fast harmonisch. In der zweiten Hälfte des Stücks überholt es die restliche Band und übernimmt die Führung.

Nach dem gewaltigen, reduziert trotzigen Stampfer „I Feel Alive“ entwickelt „Girls & Boys“ den Sound der ersten Scheibe konsequent weiter. Spätestens mit „To The Country“ machen die Jungs klar, dass sie die oft genutzte Kategorisierung als Punk nicht nur sprengen, sondern zu den Akten legen.

Als wäre das alles nicht genug, springt Amy Taylor von Amyl And The Sniffers als Zugabe im Duett “In Spite Of Ourselves“ mit ein. In der Country-Hommage an John Prine zeigen Murphy und Taylor gemeinsam eine unerwartete stimmliche Bandbreite, während die Band dazu die Interpretation von Country stetig weiter dehnt.

Dass auch sonst keine Schublade wirklich passt, wird ebenso klar. Viagra Boys haben sich zu einer eigenen Größe gemacht, die sich nur noch mit „Viagra Boys“ in Worte packen lässt. Hoffen wir, dass dieses Album ein Indikator für das Jahr 2021 wird. Dann kann schon nix mehr schiefgehen.

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