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Russian Circles – Gnosis

Am Anfang war das Riff und das Riff war bei einem Riff und das Riff war ein Riff. Diese tautologisch anmutenden Eingangsworte mögen den halbwegs Bibelfesten unter uns in den Sinn kommen, wenn sie die düstere Welt von „Gnosis“ betreten. Religiöse Bezüge sind auf dem achten Album von Russian Circles bereits durch den Titel gegeben.

Gnosis umfasst religiöse Bewegungen der Antike, deren Anhänger als Wissende den einfach Gläubigen einen Schritt voraus waren. Zumindest glaubten sie das.

Auch der Eröffnungssong verweist nicht auf die profane Welt. „Tupilak“ ist weder eine Vogelart aus dem Regenwald, noch der Name eines Pokémons, sondern bezeichnet eine überwiegend aus Walrosselfenbein geschnitzte Figur mit magischen Kräften.

Gitarre, Schlagzeug, Bass – das sind und bleiben die tragenden Elemente der Band aus Chicago, die seit jeher auf das gesungene Wort verzichtet. Umso mehr lebt der Post-Rock von Russian Circles von den körperlichen Empfindungen, wie auch von den visuellen Eindrücken und Bildern, die mit einfachen Mitteln heraufbeschwört werden.

In „Tupilak“ nimmt sich das Trio viel Zeit für ein bis zum Anschlag verzerrtes Riff, das einsam rufend in der Wüste steht, bevor es in einer Karawane mit Seinesgleichen auf die gut sechsminütige Reise geschickt wird. Assoziationen an eine orientalische Landschaft werden durch Mike Sullivan an der Gitarre geweckt, der hier auch melodischere Töne anschlägt. Das hypnotische Schlagzeugspiel von Dave Turncrantz verstärkt den Eindruck eines monumentalen Wüstenritts durch eine karge Steppe, in der es sehr viel Weite, aber wenig Farben gibt.

Viel Zeit nimmt sich auch der Titeltrack, der auf eine bereits vor Jahren entstandene Songidee zurückgreift, die nun auf “Gnosis” ihre Vollendung findet. Nach einem anderthalbminütigen Gitarrenarpeggio kreisen die als Eishockeyfreunde bekannten Amerikaner mit ihren Schlittschuhkufen um das Hauptmotiv, bevor das Eis bricht und sich eine neue schroffe Welt voller verzerrter Gitarren auftut.

Der Dualismus von Gut und Böse, Licht und Finsternis ist ein charakteristisches Merkmal der gnostischen Lehre. Im Interview mit Bassist Brian Cook betont dieser jedoch etwas anderes:

Auf „Gnosis“ seien diesmal die dynamischen Kontraste weitestgehend außen vor gelassen worden. Dies sei unter anderem dem Songwriting-Prozess zu verdanken – die Stücke sind nicht in Sessions, sondern unabhängig voneinander in den Heimstudios der Musiker entstanden und wurden dann in der weiteren Bearbeitung auf ihren Kern reduziert.

Dadurch erscheint das aktuelle Werk fokussierter und zugleich tritt die dunklere Seite von Russian Circles stärker zum Vorschein; auf die hellen, auflösenden Momente wurde weitestgehend verzichtet. Die beiden Singleauskoppelungen „Conduit“ und „Betrayal“ stehen hierfür mit ihren in Serie dahinrauschenden Gewaltriffs Pate.

Eine Ausnahme bildet – von der kurzen Beruhigungspille ohne Wirkung „Ó Braonáin“ mal abgesehen – „Bloom“. Ein Song, der zwar als allererstes vorlag, von der Band aber bewusst ans Ende gesetzt worden ist. In ihm werden noch die hellen Kontrastfarben der prägnostischen Zeit sichtbar. Am Ende schenkt uns „Gnosis“ einen Schimmer Hoffnung.

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