Naturgewalten, Mystik und Sagenwesen, gebannt in musikalische Wucht sind Assoziationen, die Sigur Rós in ihrer Musik zwischen fragilem Zauber und Sound-Sturm verorten, seit im hohen Norden zur Jahrtausendwende gebremste Diesseitigkeit in Tondokumenten gebannt wird.
Inzwischen vier Jahre lang ist das Trio weltweit unterwegs, um mit regionalen Orchestern und Chören ihre Produktionen in einem noch größeren Rahmen zu präsentieren, und das in dieser Kombination die Live-Qualitäten der Isländer alles andere als an Intensität einbüßen, davon konnte sich am gestrigen Sonntag bei einem der finalen Konzerte dieser Tournee überzeugt werden.
Vor ausverkauftem Haus – in dem sich auch der deutsche Handball-Nationaltrainer Alfreð Gíslason das Spektakel seiner Landsleute nicht entgehen ließ – machten Sigur Rós in der Uber Eats Music Hall Station, um eine streng durchchoreografierte Werkschau in zwei Akten aufzuführen.
In Berlin begleitete das Moses-Mendelssohn-Kammerorchester und der Young Class X Choir, die mit dem ersten Tönen von „Blóðberg “ aus dem aktuellen Album „ÁTTA“ mit Obsession in ihrer Aufgabe aufgingen, die Reise durch einen musikalischen Traum, in dessen Verlauf sich die Arrangements über Kaskaden ergießen und sich auf Ton-Serpentinen in die Höhe zu schrauben, mit so viel Opulenz verstärkten, dass intime Momente der Stille fast schmerzten.
Wären die Stücke – für Aufführungen im großen Rahmen auf Orchesterniveau angepasst – durchgespielt worden, hätte sich ein einziges Meer aus Klängen ergeben, entsprechend war die Zuordnung der einzelnen Beiträge auf Anhieb nicht unbedingt einfach.
Wenn das bei „Starálfur“ vom 1999er Album „Ágætis byrjun“ und nach der Pause bei „Untitled#1 – Vaka“ vom Album „(_)“ (2002) und natürlich bei „Hoppípolla “ von „Takk“ (2005) gelang, verstärkte sich die emotionale Anteilnahme am Konzert im Publikum noch einmal.
Das Lichtkonzept tat das Übrige, um zum gedämpft-sphärischen Erlebnis beizutragen. Über allem schwebte Jónsis-Falsett, der seine Gitarre oft mit Geigenbogen statt Plektrum bearbeitete, und – per Fantasiesprache Vonlenska – glockenklar ausdrückte, dass der Mensch ein Nichts in Zeit und Raum ist und es trotzdem immer den Funken der Hoffnung gibt, der aus „Sé lest“ förmlich herausplatzt.
Mit „Avalon“ aus einer Gegenwelt, die es nie gab und nie geben wird, in die Nacht geschickt, fühlt sich die Realität vor der Halle fremd an.


