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Alvvays – Blue Rev

Alvvays aus Toronto veröffentlicht nach “Antisocialites” (2017) ihr drittes Studioalbum “Blue Rev” und bleibt damit ihrem eingängigen Stil treu. Freund*innen von verträumtem Shoegaze kommen auf “Blue Rev” zweifellos auf ihre Kosten und Sängerin Molly Rankin überzeugt mit wunderbaren Vocals, die man von der Band auf keiner Platte zuvor so überzeugend wahrgenommen hat.

Eigentlich begann das Quintett bereits 2017 mit dem Schreiben an einem neuen Album, doch die Arbeiten verzögerten sich, u.a. durch vermehrtes Touren, während denen die Band jedoch nicht an neuem Material schreibt. Außerdem wurde bei Molly Rankin eingebrochen und Demotapes entwendet. Nur ein Tag später zerstörte eine Kellerüberschwemmung fast das ganze Material der Band.

Als wären diese Umstände nicht widrig genug, begann Ende 2019 eine globale Pandemie und Grenzschliessungen verhinderten, dass die Band mit Schlagzeuger Sheridan Riley und Bassistin Abbey Blackwell proben konnte.

Aber: die Wartezeit hat sich gelohnt. Die fünf Kanadier*innen sind experimentierfreudiger und gleichzeitig harmonischer geworden. Sie verabschieden sich etwas vom 60er Surfrock, werden düsterer und versuchen sich an mehr Synthie-Elementen. Obwohl dem Album ein Überhit wie “Archie, Marry Me” fehlt, bringt “Blue Rev” Abwechslung und macht Spaß. Aber alles der Reihe nach:

Die Vorabsingle “Pharmacist” ist ein geradliniger Indiehit mit einem fröhlich knurrenden Gitarrensolo im Herzen. “Easy On Your Own” überzeugt mit einem eingängigen Refrain und bestechenden Lyrics.:”How I gage whether this is stasis or change”, singt Rankin in der ersten Strophe und vereint damit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die Frage, wer wir sein wollen und warum.

Überhaupt ist das ganze Album geprägt von Gegensätzen. “After The Earthquake” kommt treibend, aber gleichzeitig beruhigend daher. “Tom Verlaine” beginnt langsam und sphärisch. Rankin singt sanft die Zeilen “When you walk away/it better be for good”, bevor der Song gegen Ende in ein nervöses Geklimper ausbricht.

“Pressed” kommt als heimlicher Hit auf dem Album daher. Die Riffs könnten von Guitar-Hero Johnny Marr sein und von sowohl der Stimmfarbe als auch den Lyrics erinnern Rankins Zeilen an The Smiths. “I waver in the night toss turn eleven times/and I won’t apologize for something I’m not sorry for”.

“Very Online Guy” führt uns dann noch tiefer in die 80er Jahre: ein Synthie-Kracher, wie man ihn schon lange nicht mehr gehört hat. Auch hier zeigen Alvvays Gegensätze auf und überzeugen mit Lyrics zum modernen Thema Online-Liebschaften.

Die Songs von “Blue Rev” leben von ihrer unmittelbaren Zugänglichkeit und Vielschichtigkeit. Beim ersten Durchhören des Albums verliebt man sich in sie und in den folgenden Durchläufen wird diese Liebe zementiert, weil man sich unausweichlich auf die Details einlassen kann.

Dieser perfekt aufeinander abgestimmte Sound ist das Ergebnis eines unorthodoxen – und für Alvvays völlig überraschenden – Aufnahmeprozesses. Schon am zweiten Aufnahmetag wurden Alvvays von Produzent Shawn Everett aufgefordert “Blue Rev” zweimal von vorne bis hinten durchzuspielen. Danach erst ging es an den Feinschliff. Lücken wurden gefüllt und das Album wuchs zu einem perfekt produzierten Werk heran.

Die Kraft und Magie von “Blue Rev” rührt daher, dass Alvvays die aufgezeigten Gegensätze auch wieder zu vereinen mag – Zynismus und Empathie, Wut und Spiel, Geklapper und Melodie, das Sanfte und das Stählerne.

“Pomeranian Spinster” ist der Höhepunkt der zweiten Hälfte der Platte: eine wundervolle, feministische Punknummer, die scheinbar am Gesamtkonzept vorbeischrammt, es aber eben doch nicht tut. “Wanna be nice/I don’t wanna be nice/I don’t want your advice/On the run in my tights”, singt Rankin und man wünscht sich fast, Alvvays wären öfter weniger nice und etwas politischer.

Den Abschluss des Albums besiegeln Alvvays mit ihrer altbekannten Coming-of-Age Romantik, wie zum Beispiel in “Bored in Bristol”. Hier betreiben Alvvays nochmals Fanservice und liefern so ab, wie man es sich von ihnen gewohnt ist.

“Blue Rev” blickt sowohl auf die Vergangenheit zurück als auch auf eine ungewisse Welt voraus und rechnet ab mit dem, was wir verlieren, wenn wir eine Entscheidung darüber treffen, was wir werden wollen.

Wenn man Alvvays etwas vorwerfen kann, dann vielleicht, dass sie etwas zu viele unterschiedliche Elemente auf die neue Platte packen wollten – dementsprechend ist das Album auch 14 Songs lang geworden.

Das ist aufgrund der langen und ereignisreichen Zeit zwischen “Blue Rev” und “Antisocialites” nicht verwunderlich. Befasst man sich aber mit dem Album und gibt ihm ein paar Durchläufe Zeit zu wachsen, wird es zu einem der spektakulärsten Indie-Rock-Alben des Jahres.

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