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Reeperbahn Festival 2023

Und schon wieder geht es bei schönstem Wetter los. Was auch immer dieses Wochenende im Jahr so besonders macht – die strahlende Sonne am Mittwoch zur Eröffnung des Reeperbahn Festivals bleibt eine Konstante.

Weniger konstant zum Glück die Einschränkungen der letzten Jahre. 2022 – das Nach-Covid-Jahr, in dem wir wieder tanzen konnten. Aber noch geprägt vom langsamen Anfahren der Normalität. Von Einschränkungen ist dieses Jahr nichts mehr im Programm zu erahnen. Die Deezer Playlist wartet mit bescheidenen 779 Tracks auf. Die App listet 41 Locations allein für das Festival. Es fühlt sich wieder normal an.

Vom Trubel am Spielbudenplatz geht es in den kleinen Hinterhof am Hans-Albers-Platz. Lyschko machen den Auftakt im Drafthouse. Der leicht steife Anfang schnell überwunden. Ihr Sound zwischen Post-Punk und altem Wave kickt schnell. Expressive Frontfrau und ihre Haare fliegen überall. Wäre schön gewesen, wenn wir sie nicht nur gesehen, sondern auch gehört hätten.

Weiter ins Moondoo. „Wow, sind hier viele Stufen. Lebensgefährlich,“ So das Gesprächsthema während der Umbaupause. Cloudy June reißt sofort mit. Eindringlicher Pop, sehr organisch gespielt. Positiv rauer und überraschend kräftiger als erwartet. Mit ihrer Show und Präsenz stellt sie routinierte Kolleginnen wie Bishop Briggs locker in den Schatten. Beim zweiten Track lässt sie sich einen Barhocker bringen. Sie ist beim Soundcheck über eine Stufe gefallen. Nach dem dritten Track kapituliert sie vor den Schmerzen. Trotzdem noch der unvermeidliche Abschluss – ihre Masturbations-Hymne „FU In My Head“. Die Klinik und ein Barhocker retten den Gig am nächsten Tag. Gute Besserung!

Zurück im Drafthouse. TRÄNEN haben erst kurz vor dem Festival mit drei Singles überrascht. „Bin ich eine Radikale, weil ich Mädchen glaub, und es ist wahr…Muss ich mich für Dich verbiegen. Nein!“. Jede Zeile von Gwen Dolyn brennt sich tief ins Hirn. Kraftklub-Gitarrist Steffen Israel sorgt für den Rest. Mal melancholisch, mal NDW-Hüpfer, mal eher punkig. Alle Stücke homogen in ihrer Abwechslung. Verknüpft durch starke Inhalte, theater-reife Mimik und (vermeintlich) fröhliche Tanzbarkeit. Gut, dass ihr Debütalbum bald herauskommt, der Appetit ist geweckt.

Die Überraschungs-Entdeckung des Abends: Cousines Like Shit im Indra. Was die beiden Cousinen „Avant-Trash“ nennen, entpuppt sich als mitreißend. Bei ihrer Mischung aus Indie und Alternative-Pop kommt keine Sekunde Langeweile auf. Balancierend auf der Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern. Leni von Bipolar Feminin mischt die erste Reihe auf und Sophie an den Drums stiehlt mehr als nur einmal die Show. Toller Abschluss für einen rundum gelungenen ersten Festivaltag.

Donnerstag, 16:00 Uhr. Im Molotow Backyard gemütlich vertrautes Sommerfest, könnte auch ‘ne Firmenparty sein. Im Molotow Club ganz schnell vorbei mit Gemütlichkeit. Die angesagten Tramhaus legen mit einem Feuerwerk los. Alle sind wach, bevor die Post-Punk-Niederländer das Tempo reduzieren und subtil stampfend weitermachen. Nur Sänger Lukas Jansen ist nie ruhig. Intensive Sound-Teppiche beenden die Show.

Stippvisite an der Fritz! Bühne. Damona macht einen Super Job auf dieser typisch schwierigen Bühne. Das Sommerfest wird musikalisch.

Wechsel in den Kaiserkeller. Die letzten Stücke der Schweizerin Andrina Bollinger. Im stockfinsteren Raum fesselt sie das Publikum mit einer Symbiose aus Jazz und Pop. Handwerklich und musikalisch gut gelungen.

Krasser könnte der Wechsel auf der Bühne nicht ausfallen. ASBEST aus Basel, ebenfalls Teil des Schweizer Showcase. Schon beim ersten Takt flattern die Hosen im Schalldruck. Nicht umsonst heißt ihr Instagram Account @asbestnoise. Wabernder Low-Fi, mit einer Prise Metal und ganz viel harmonisch schmeichelndem Noise. Komplex, düster, schleppend mit unheimlicher Wucht. Intensiv steigender Sog bis zum letzten Takt. Dazu musikalische Frühst-Erziehung im Bauch der hochschwangeren Bassistin Judith.

Ähnlich starker Wechsel. ZUSTRA im Resonanzraum. Dramatisch melancholisch-intellektueller Pop mit viel schwarzer Tiefe. Die Berliner Journalistin und Autorin präsentiert sich mit euphorisch-menschlicher Präsenz auf der Bühne. Das vermutlich persönlichste Konzert dieser Woche. „Drowned Body“ ist schon jetzt das Stück des Festivals.

Auf dem Rückweg ins Molotow noch Lady Banana im Mojo Jazz Café. Die beiden Spanierinnen rocken den kleinen Raum handwerklich ausgefeilt. Schnelle Gitarren, knackige Drums und zwei Stimmen.

Der Downturner zum Abschluss des Abends Joe Unknown. Das Publikum mit Jack Daniels von der Bühne abzufüllen mag ja manchen gefällig sein. Aber nach den Künstler*innen davor mutet die Show irritierend an.

Der Freitag startet mit den Temples im Mojo Club, vor dem sich eine lange Schlange gebildet hat. Der routinierte Psych-Rock kommt jedoch eine Spur zu gemütlich rüber.

Dann geht es weiter mit Sophia Blenda von CULK. Sympathisch wie eh und je spielt sie in der St. Pauli Kirche Stücke von ihrem Solo-Album “Die Neue Heiterkeit” vom letzten Jahr. Tiefgehende Poesie, getragen von Musik. Diesmal ohne Band. Nur mit Unterstützung an Violine und Flügel. Der Flügel stand ungeplant in der Kirche und sie durfte ihn nutzen, was eine grpße Bereicherung für die Show war. Welche Location könnte besser passen als diese Kirche? Menschlich und modern gemäß der heutigen Zeit und Umgebung geführt.

Dream Nails aus London, die sich selbst als “punk witches” bezeichnen, eifern derweil im schnell enger werdenden headCRASH ihren offensichtlichen Vorbildern Fugazi und Rage Against The Machine nach.

Gretel Hänlyn aus ebenfalls London, die deutsche Vorfahren hat, beeindruckt im Knust mit ihrer Performance. Ihre Musik kommt live deutlich weniger elektrop-poppig, aber nicht minder eingängig rüber und bringt Bewegung ins Publikum. Insbesondere “Drive” vom aktuellen Album “Head Of The Love Club” gerät zum Highlight.

Bipolar Feminin drehen den Aktivitäts-Level wieder auf „ganz oben“. Die Molotow Skybar mit zu vielen Menschen und zu wenig Sauerstoff. Der Anfang von „Kalaschnikow“ täuscht friedliche Harmonie an, um dann zügig zu eskalieren. Pop, Rock, Punk? Egal. Leni Ulrich fesselt den Raum mit ihrer unbändigen Energie und reißt alle mit. Gesellschaftskritik ungefiltert glaubhaft auf den Punkt gebracht. Menschenfreundlich gewalttätig. Zitat des Abends sinngemäß: „Es hilft auch nichts, feministische Musik zu hören – wenn Du Dich im Alltag nicht entsprechend respektvoll verhältst.“

Zur Abwechslung mal eine große Location. Das frisch veröffentlichte Album „Mono“ von K.Flay bedingt einen Besuch im Uebel & Gefährlich. Optisch und akustisch setzt ein schwarz-weißes Gewitter zum Start den Ton. Flaherty hat vor knapp einem Jahr das Gehör auf ihren rechten Ohr verloren. Das merkt man nur daran, dass die neue Scheibe wieder intensiver und aggressiver geworden ist. Über eine Stunde tobt sie über die Bühne und liefert einen Kracher nach dem anderen. Sie rappt, singt, schreit. „Blood In The Cut“ wird zum Rage Against The Machine Medley. Four letter words und Politik dominieren die Ansagen. Schlussendlich sind alle im Raum „Weirdos“ und tanzen sich in die späte Nacht.

Parallel dazu The Hives in der Große Freiheit 36 mit gewohnt mitreißender Show, bei der nicht nur ihre schwarz-weißen Anzüge durchgeschwitzt werden. Am Ende muss sich Frontanimierer Per Almqvist sogar kurz setzen und zieht den letzten Track “Tick Tick Boom” in Zusammenarbeit mit dem Publikum in die Länge.

Der Samstag beginnt mit den britischen Hotwax im Molotow Backyard und solidem Indie-Rock mit Veruca-Salt-Reminiszenzen. Am späten Abend sind sie an gleicher Stelle und im Dunkeln nochmal zu sehen.

Danach Blood Red Shoes im Gruenspan. Vermutlich die längste Schlange seit Jahren. Entladung der Geduld im Publikum schon beim Opener „Elijah“. Hochroutiniert, mit überdurchschnittlich gutem Sound liefern die zwei ein Set von über einer Stunde. Man merkt jede Minute, dass sie nicht erst seit gestern gemeinsam auf der Bühne stehen. Honoriert vom Publikum, der Raum kocht.

Im Indra nebenan dann die Australierin Annie Hamilton mit Suicide-Squad-Frisur und zwei Kollegen an Gitarre und Bass mit eindrucksvoller Show. Charmanter, energischer Indie-Pop zwischen Republica und Sundays und einem Mix aus Songs ihres Debütalbums “the future is here but it feels kinda like the past” und neuen Titeln vom kommenden Album, der niemanden still stehen lässt. Definitiv ein Festival-Geheimtip.

Mittlerweile haben Arab Strap im Gruenspan ihre introvertierte, fast schon meditative Performance gestartet. Die Schotten, die sich 2021 nach 16 Jahren mit einem neuen Album zurück meldeten, zeigen, dass man auch zu zweit (mit Sänger Aidan Moffat, der gleichzeitig auch ein Ein-Mann-Schlagzeug bedient) eine orchestral anmutende Show  liefern kann, die das Publikum in große Wattebäusche einlullt. Besser als jeder Yogakurs!

Zurück in die Molotow Skybar. Genauso heiß wie das Gruenspan, nur viel kleiner. Bandit Bandit läuten das Ende des Wochenendes ein. Garage-Rock in Symbiose mit französischem Chanson. Unterstützt von einer zurückhaltenden Schicht Elektronik. Sinnliches Knistern eingebettet in stürmisch expressive Rock-Show. Dass die zwei nicht nur auf der Bühne ein Paar sind, ist kaum zu übersehen. Die Botschaft zum Abschluss auf Maëvas Gitarre geschrieben: „More Women On Stage“!

In der Elphi liefern Altın Gün dann das Kontrastprogramm mit ihrer niederländisch-türkischen Weltmusik im besten Sinn. Sängerin Merve Daşdemir fordert das Publikum auf, aufzustehen, weil es doch der letzte Festivaltag sei, was zwar nicht so ganz zur ehrwürdigen Location, aber definitiv zum rhythmischen Groove ihrer Musik passt.

Wirklich abgesperrt wird das Festival von Chalk aus Belfast in der Molotow Skybar. Ungewöhnlicherweise mal nur Männer auf der Bühne. „Asking“ …for a friend. There is no limit, there is no end…” Atemlose spoken words. Eine fragile Noise-Wand baut sich darunter auf und bricht sofort wieder zusammen in Low-Fi Wummern. So geht es ohne Luftholen weiter. Auf der Bühne und vor der Bühne. Was machen die Iren hier – Elektro-Post-Punk? Auf alle Fälle einzigartig. Immer wieder überraschende Wechsel schließen das Festival würdig ab. Leider viel zu kurz.

Befreiend, dass das Reeperbahn Festival wieder voll da ist. Das Team hat wieder einmal unter Beweis gestellt, dass sie in der Lage sind, etwas Wertvolles auf die Beine zu stellen. Allein die Menge an vielversprechenden Bands, die gerade mal eine EP oder ein paar Singles auf dem Markt haben sucht ihresgleichen.

Solche Bühnen brauchen die Acts und die Szene, um nicht zu sagen „die Industrie“. Auch die Gender-Ausgewogenheit war wieder ganz groß. Auf regulären Festivals sind nicht-männliche Künstler*innen zu unter 10% vertreten. Das Reeperbahn Festival schafft es einmal mehr, dem Publikum die Chance zu geben, dieses Verhältnis umzudrehen.

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