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J. Bernardt – Contigo

Eigentlich müsste das zweite Album von J. Bernardt eher „Sintigo“ heißen, falls es dieses Wort gäbe. Denn der belgische Musiker, den die meisten wahrscheinlich unter seinem Geburtsnamen Jinte Deprez und als zweiten Teil des Kreativduos Balthazar kennen, hat mit „Contigo“ (auf Spanisch “mit dir”) ein ganz klassisches Trennungsalbum aufgenommen und seinen Herzschmerz in die verschiedensten Facetten des Indie-Pops gegossen.

Wer aber jetzt ein Album voller Balladen mit Akustik-Gitarre, Kerzenschein und Rotweinflecken erwartet, der wird überrascht. Denn der Song „Our Love Was Easy” bleibt mit dieser besagten Rezeptur die Ausnahme.

Larmoyanz kann eben auch nach über 20 Jahren nach „O” immer noch niemand besser als Damien Rice. Und irgendwie doch auch mal ganz erfrischend, sich das gebrochene Herz mit funkigen Hüften wieder zusammenzushaken, anstatt zu Moll-Akkorden im Teppich zu versinken.

Obwohl sich natürlich von selbst versteht, dass so ein Liebeskummer-Album nicht ohne Melancholie auskommt. Allerdings wirkt die verpackt in Songs wie „Free“ gar nicht so erdrückend.

Die Pfeiftöne im Intro, gepaart mit einer getupften Basslinie und unaufgeregten Streichen, malen die Kollage einer leergefegten Westernstadt, bei der auch das klassische Gestrüpp nicht fehlt, das vom Wind genauso hinweggefegt wird.

Wie die vergangene Beziehung, die wider Erwarten doch nicht für die Ewigkeit war. Freiheit ist nicht in jeder Hinsicht gleichbedeutend mit Glück. „Are we lonely / Or are we finally free?“, klingt vor dieser musikalischen Kulisse dementsprechend eher nach einer rhetorischen Frage.

„Taxi“ hingegen klingt musikalisch so gar nicht nach Liebeskummer. Eine funky Basslinie trifft auf eine Percussion-Sektion, die kurz davor ist, einen spontanen Kurztrip nach Lateinamerika zu buchen, und auf eine Gitarre, die im Refrain ein bisschen Twang auspackt. Diese poppige Kombo schafft es gekonnt, über die Zeilen voll verletztem Stolz in der Bridge hinwegzutäuschen: „When I called you mine / Was I ever yours?“

Und auch „Mayday Call“ geht nach einem ruhigen Streicherintro volle Fahrt voraus. Deprez‘ Stimme quält sich zu Beginn, schreit mehr, als dass sie singt, was wiederum vorzüglich zum Titel und Inhalt des Songs passt. Auch die aus dem Ruder laufenden Bläser gegen Ende vertonen die Panikattacke, die Deprez in „Mayday Call“ beschreibt, in Perfektion.

Selten wurde Herzschmerz so facettenreich und lässig in Kunst verwandelt wie auf „Contigo“.

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