Neo-Soul speist sich aus zwei ganz verschiedenen Strömungen: Leuten wie der letzte Woche durch Deutschland getourten Erykah Badu, die mit Sample-Kultur und Hip-Hop-Kolleg*innen arbeiten, und solchen, die vom Jazz kommen.
Insbesondere der Ronnie Scott’s Jazz Club in London Soho tat es der legendären Amy Winehouse an, die dort erst Stammgast war und dann selbst auftrat. Mit der „Woman Of Faces“, Celeste Epiphany Waite, kommt nun ein Jazz-Fan, statt aus der großen Stadt, aus dem Seebad Brighton.
Wie auch bei Amy, ist bei Celeste die Großmutter Schuld an ihrer Infektion mit einer unheilbaren Leidenschaft für die großen amerikanischen ‚American Songbook‘-Interpretinnen der 1930er bis 50er Jahre.
Die 31-jährige Celeste verfasst ihre Nummern in der Regel selbst, aber nie alleine. Dabei sind Balladen ihr Metier, teils sehr elegische, und mit solch einer eröffnet sie ihr zweites Album, den Nachfolger von „Not Your Muse“ (2021).
Manche der neuen Aufnahmen hören sich so klassisch an, als würden sie der großen Vocal-Jazz- und Swing-Ära entstammen. Obschon Celeste recht gleichmäßig, bedächtig und ruhig vorträgt, steigert sie sich an ein paar ausgewählten Stellen umso intensiver hinein.
So phrasiert sie schon einmal einen zehn Sekunden lang modulierten Ton, ohne Luft zu holen mit aller Inbrunst, wie in „Time Will Tell“ – es ist eine Easy-Listening-Arie.
Elektro-Effekte wie aus der Jungle-Musik sorgen im dramatischen „Could Be A Machine“ für ein deutlich moderneres Antlitz.
Sobald die mittlerweile Wahl-Londonerin in „People Always Change“ das Maunzen beginnt, erinnert sie ganz umwerfend an Winehouse, an die Ikone, der bis heute viele nachtrauern.
Was diese jedoch wohl kaum gemacht hätte, wäre solcherlei Northern Soul wie auf dem Bonus-Track „This Is Who I Am“ der limitierten Deluxe-Beilage. Hier mutet Celeste englischer an denn je.
Einer ihrer Co-Autoren ist der am Folk orientierte Matt Maltese, der – im Unterschied zu Celeste – schon bald in Deutschland live auftritt. Beide Persönlichkeiten stehen für einen Sound der Entschleunigung, der somit die Kernkompetenz des Neo-Soul erfüllt:
Zu erden und gleichzeitig zum Schweben zu bringen.
