Tatsächlich steht auf „Vacancy“ nicht der Name Ann Lennox, sondern Ari Lennox, doch mit Kristallklarheit und Emotionalität punktet die Stimme der talentierten 34-Jährigen aus Washington ebenso wie die frühere Eurythmics-Sängerin.

Nach „Shea Butter Baby“ und „age/sex/location“ ist die Betitelung mit „Vacancy“ („freie Stelle“) dieses Mal nicht ganz so sinnlich geraten, die Platte dafür umso mehr.

Anders als beim 2022 erschienenen Vorgänger begnügt sich die laszive Sängerin auf ihrem dritten Album nicht mehr mit einer Nachahmung von 1990er-Jahre-Schlafzimmer-R&B, gleichwohl es ihn hier mitunter gibt und das Cover-Artwork ihn suggeriert.

Viel mehr geht es jetzt um feurige Intensität, um Verlangen, lodernde Sehnsucht und durchgehend starke, schillernde Melodien anstelle manch mäßiger Füll-Tracks von „age/sex/location“.

Ari intoniert mit dem Heiligenschein der ersten Stimme eines Gospel-Chors und pflegt doch die weltliche, freche Ausgefuchstheit einer „Sister Act“-Nonne.

Entdecken ließ sich die charismatische Interpretin von Jermaine Cole, Rapper, Pianist und Produzent (der selbst wiederum unter dem Namen J Cole von Jay-Z groß gemacht wurde.) Von Cole hat sich die Sängerin nach zwei Alben getrennt. Die künstlerischen Differenzen hinsichtlich Image und Gestaltung von Musikvideos seien zu groß gewesen. „Vacancy“ eröffnet ein neues Kapitel.

Ein positives Gefühl durchzieht unterschwellig die Art und Weise, wie das Album gestaltet ist. Hier legten nun viele Produzenten Hand an, allen voran J. Coles Kollege Elite aus L.A., R&B-Grammy-Preisträger Tricky Stewart und Produzenten-Legende Jermaine Dupri.

„Vacancy“ ist ein anmutiges, würdevolles, elegantes und ‚empowerndes‘ Werk. „So majestic“ ist ein passender Ausdruck dafür, den Ari im Song „Under The Moon“ selbst verwendet.

Das Album räumt Emotionen und Menschlichkeit viel Platz ein und gehorcht keinen Straßen-Slang-Trends. Lennox legt sich ins Zeug und entfaltet ihre Wirkung mehr durch ihre raumfüllende, präsente Stimme anstatt durch markige Worte.

Wobei es diese auch gibt, bei Metaphern wie „Schlaganfälle in der Seele“ im Lied „Deep Strokes“ oder in der Analyse von Sternzeichen in „Horoscope“. Ari Lennox‘ R&B knallt mehr als der von Alicia Keys, leuchtet neonfarben, wenn man den Klang von Loops, Beats und Gesang visuell beschreiben möchte.

Vereinzelt, wie beim stumpfen Metronom-Sound von „Soft Girl Era“, übersteuern die Bässe, und die Sound-Ästhetik wirkt so filigran wie beim Holzfällen mit Kettensägen.

In „Wake Up“ tragen Saxophone so sehr auf, wie wenn sich jemand zentimeterdick mit Lippenstift schminkt. Insoweit ließe sich an etlichen Stellen eine ausgewogenere Produktion gestalten.

Auch wie die US-Amerikanerin sich stimmlich räkelt, mag gewöhnungsbedürftig sein. Sie intoniert lebhaft, anschaulich, engagiert, aber nie übertrieben.

Unterm Strich entsteht der Eindruck eines harmonischen und warmen Longplayers. Dank der eingängigen Reggae-Zusammenarbeit „Company“ mit Buju Banton, der zauberhaften Sopran-Ballade „Hocus Pocus“, dem süßen Verführungs-Neo-Soul „Mobbin In“, dem intensiven „High Key“ und dem rhythmisch wie melodisch unwiderstehlichen Titelstück hat das Album etliche veritable Höhepunkte.

Weitere Highlights sind „Horoscope“, „Deep Strokes“, „24 Seconds“ und „Under The Moon“. Diese neuartige Mischung aus Minnie Riperton und Mary J. Blige ist gut gelungen.

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