Bristol mag man mehr mit Trip-Hop oder den Real-World-Studios von Peter Gabriel verbinden als mit Blues-Pop. Doch Elles Bailey, die dort oberhalb des Flusses Avon wohnt und aufgewachsen ist, hatte einige Alben lang das Image bedient, Teil der Blase europäischer Starkstrom-Ladies zu sein, die von Frankreichs Laura Cox bis Serbiens Ana Popović das Genre prägen.

Als Meisterin der Melodie entpuppt sich Elles nun auf ihrer fünften Platte „Can’t Take My Story Away“. Es geht um die Liebe, um Erwartungen und Enttäuschungen, Sehnsucht und Bindung, im eröffnenden Titeltrack um die Bilanz der verschiedenen Erfahrungen mit Liebhabern.

Dabei rührt die Singer/Songwriterin mal Country-Pop, mal Gospel-Impressionen, mal Orgel-Soul unter ihre Gefühlsduselei. Oft punktet sie mit ihrer Emotionalität.

Zweimal in ihrer neuen, smarten Song-Sammlung riskiert Elles Bailey jedoch Längen, die des Guten fast zu viel werden und auf der Stelle treten:

Dieses Manko betrifft die Schlussnummer „Starling“, eine schwülstige Ballade in Tom Jones-Stil, mit Tempo-Klimax und zu vielen Streichern. Hier verhandelt Elles ein wiederkehrendes Motiv der Platte, den Pendelschlag zwischen Dunkelheit und Licht, den Kontrast zwischen Weinen und Lachen.

Während in diesem philosophischen Stück die Suche nach Freiheit im Mittelpunkt steht, dreht sie sich an anderer Stelle in „Better Days“ um die Sorge um die Krankheit der eigenen Mutter.

„Angel“ handelt gar von Gläubigkeit als Liebes-Metapher, von einer Partnerin, die sich als Quelle der Zuversicht und als Stütze anbietet: „I’ll be your angel“.

Den Song „Growing Roots“ beschreibt die Songautorin als Liebeslied „darüber, den richtigen Partner zu finden – denjenigen, der dich dazu bringt, (…) dich endlich niederzulassen. Es geht darum, Wurzeln zu schlagen, (…) aber auch darum, was diese Person einem beibringt“ – so fasst es Bailey zusammen.

Elles Vermächtnis liegt in ihrer extrem charismatischen Stimme. Ihr Gesang kann sportlich klingen wie in „Take A Step Back“, kann kathartisch bersten wie in „Better Days“, wo sie alles an Ausdruck heraus kitzelt, und sie kann rau schmirgeln und dabei im Janis-Joplin-Stil nahezu gebrechlich auf Messers Schneide klingen.

Für die musikalische Umrahmung entschied sich Elles Bailey gegen ihre Live-Musiker, sondern für Session-Instrumentalisten. Diese spielen mit einer beeindruckenden Laut-Leise-Dynamik auf und wirken stellenweise ‚angejazzt‘.

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