Als die Bands des afrikanischen Kontinents ab Mitte der 1980er Jahre peu à peu von Europa aus entdeckt wurden, gab es eine regelmäßige Zuordnung: Musik aus anglophonen Ländern fand ihr Ventil über Londoner Tonstudios und Plattenfirmen, solche aus frankophonen und lusophonen Gebieten ging über Paris, manchmal Brüssel, in den europäischen Markt.
Nachdem der Hype um Wiederveröffentlichungen vor rund zehn Jahren abebbte, haben sich die Verhältnisse neu sortiert. An Imarhan aus Algerien zeigte das Berliner Label City Slang Interesse. „Essam“ ist nach „Imarhan„, „Temet“ und „Aboogi“ das vierte Werk in dieser Zusammenarbeit.
Man spielt die Aufnahmen zwar in der französischen Hauptstadt ein und mischt sie dort ab. Aber das nomadisch sozialisierte Quintett hat sogar ein eigenes Studio in der Heimat, in Tamanrasset, für die Entwürfe. Imarhan gehören der Tuareg-Bevölkerung an.
Bands wie Tartit, Tinariwen, Tamikrest und Terakraft machten diese Musik an der E-Gitarre als Bands populär, unter den Solisten und wenigen Frauen des Genres Desert-Rock taten sich die mauretanische Singer/Songwriterin Noura Mint Seymali (auch bei einem deutschen Label) und das algerische Wüstenkind Souad Asla hervor.
Während manche Repräsentant*innen dieser Musik auch Gnawa- oder Griot-Traditionen mit sich führen, steht bei Imarhan ganz wesentlich die Gitarre im Vordergrund, ob elektrisch oder akustisch. So entspinnt sich zum Beispiel in „Tamiditin“ sehr ruhig Trance entlang der Akustikgitarre.
Andererseits pflegt die Band etwa in „Adounia Tochal“ die im Genre verbreitete, geschrammte, dunkle Tonalität samt aufjaulender Stromgitarre. Gelegentlich, wie beispielsweise in „Tinfoussen“, hört sich das Lead-Instrument eiernd an.
Das Klangspektrum reicht von der hölzernen Rustikalität, die so staubtrocken wie der Lebensraum der Tuareg ist, bis zur Pop und R&B nahe stehenden Weichheit und Eingängigkeit in „Okcheur“, und vom hypnotischen Lo-Fi in „Tinfoussen“ bis zu pulsierenden elektronischen Elementen in „Azaman Amoutay“.
Konsequenter als bei den genannten anderen Gruppen kosten Imarhan die wehmütige Stimmung mitunter ganz nachdrücklich aus – eine Stimmung, die ihnen oft schon die politischen Rahmenbedingungen ihrer Region mit auf den Weg gibt.
„Die Geflüchteten, das Leid, die Hoffnung, wir spüren das alles“, gibt Frontmann Sadam an, bezieht sich auf die Lage an der algerisch-malischen Grenze, wo terroristische Gruppen immer wieder die Macht an sich rissen, bis sich auch die Bundeswehr auf den Weg nach Mali machte.
Assouf heißt der Blues der Wüste, Imarhan wandeln ihn ab. Vor einigen Jahren lancierte die Sampler-Serie Rough Guide eine Reihe von Psychedelic-Compilations und knöpfte sich auch das psychedelische Afrika vor. Unter diese Überschrift würde der betörende Track „Tellalt“ durchaus gut passen.
Die fünf Musiker nebst Background-Sängerinnen arbeiten in schönen mehrstimmigen Gesängen und Chor-Arrangements „das Gefühl gemeinsamer Präsenz“ heraus, wie Sadam es beschreibt.
Damit erweckten die Algerier zuletzt sogar die Aufmerksamkeit des Klang-Puzzles legenden Damon Albarn, der als Gast auf einer reduzierten Version von „Derhan N’Oulhine“ dabei ist.
