Nach dem erfolgreichen „Call To Arms And Angels„, mit dem Archive in ganz Europa die Top 10 erreichten, setzt die Band mit „Glass Minds“ auf Minimalismus und Atmosphäre. Das ist nicht weniger emotional als der Vorgänger, aber in seiner Struktur doch völlig anders.
Archive sind sicher eine der absoluten Ausnahme-Bands, was Langzeit-Aktualität angeht. 1994 gründete sich das Kollektiv, das seitdem seinen Sitz in Paris hat, und klebt auch 30 Jahre später noch direkt am Puls der Zeit. „Glass Minds“ ist ein weiteres Beispiel dafür und erscheint mit seiner entrückten, tiefgreifenden Melancholie fast körperlos und übermenschlich.
Bandmitglied und Multiinstrumentalist Darius Keeler sagte selbst, dass sich das Album mehr am Debüt der Band orientieren würde und den Minimalismus über den breitflächigen Bombast der letzten Veröffentlichungen stellen würde.
Mit „Broken Bits“ startet das Album vielversprechend: Die verstörenden Dröhn-Geräusche des Songs könnten genau so aus einem Horrorfilm-Trailer entnommen sein.
Über den weiteren Verlauf schafft es das Kollektiv, das aktuell lose zehn Mitglieder umfasst, das Spannungsfeld aus elektronischen Fasern und organischen Instrumenten zu einer spannungsvollen Atmosphäre zu verspannen.
Dieses Mal liegt der Fokus spürbar auf den Instrumenten, wie etwa der TIteltrack „Glass Minds“ mit einer düsteren Klaviermelodie zeigt oder die Riffs von „Look At Us“ untermauern. Das ist weniger aufdringlich und geradlinig als der stellenweise sehr rockige Vorgänger und eher dezent und auf sanfte Pop-Momente ausgerichtet.
Dennoch ist der hybride Archive-Sound überall spürbar – es gibt entrückte Chöre („The Love The Light“), die verschiedenen Gesangsstimmen werden regelmäßig verfremdet und geschichtet, die bebenden Synthesizer im Hintergrund bringen das gesamte Sound-Paket ins Wanken.
Mit diesen Werkzeugen erschaffen Archive eine zutiefst bewegende Welt, in der die lyrischen Ichs selbst nach Orientierung suchen, in der die Überforderung der Gegenwart im dunklen Unterton lauert.
Zeilen wie „This is not the end you want“ („Shine Out Power“) oder „We are always trapped in the city walls“ („City Walls“) verorten die Platte bei all der überirdischen Schönheit auch immer in der politischen Gegenwart.
„Glass Minds“ lässt weniger Sound-Wellen übereinander einstürzen als sein Vorgänger. Aber auch oder gerade wegen der bewussten Reduzierung wohnt dem Album eine gewisse Ruhr und Globalität inne.
Unter der schieren Bedrohlichkeit der Situation scheint die Band mal selbst zusammenzubrechen (wie im intensiven „Patterns“ hörbar), mal zum starken Zusammenhalt aufzurufen und einen Ausweg zu erdenken. Schöner als das kann die Gegenwart kaum klingen.
