Wenn Musik Landschaften malen könnte – Ásgeirs wäre weitläufig, tröstlich und voll mit sanften Spotlights für die Augen. Mit „Julia“ bewegt sich der isländische Singer/Songwriter dabei aber in völlig neues Terrain: Erstmals stammen die Texte aus seiner eigenen Feder. Diese persönliche Ebene tut dem einzigartigen Sound gut und schraubt den Wärme-Grad um einige Stufen nach oben.

Der Folk-Pop, den Ásgeir spielt, ist seit Beginn an der Weggabelung zwischen analoger Romantik und Flächen webender Synthetik verhaftet. Das war bisher die Bühne für kreative Inhalte, die entweder mit John Grant als Übersetzer oder der Poesie seines Vaters Einar Georg Einarsson gefüllt wurde.

Auf „Julia“ öffnet sich Ásgeir inhaltlich selbst und erhöht damit auch den emotionalen und introspektiven Wert. Dabei geht es jetzt um Zwischenmenschliches, um Selbstzweifel, um das Leben an sich und den Platz der eigenen Person im großen Ganzen.

So elektronisch („Universe“) wie hier klang der Isländer lange nicht mehr. So spannend inszeniert wie in „Sugar Clouds“ waren die Beats vielleicht noch nie.

Mit Co-Produzent Guðm und dem aus Nashville stammenden Cellisten Nathaniel Smith spielt sich Ásgeir durch bekannte Motive und Momente, die aber ab der ersten Sekunde von „Quiet Life“ in eine neue Welt entführen.

Wenn Etappen wie die E-Gitarren in „Against The Current“ sich in den Vordergrund schieben, dann immer mit einem höflichen Anstand. Es wird nicht gerannt und auch nicht geschrien. Ásgeirs Musik würde in jedes Museum passen.

Das neue Album möchte gewohnt nicht durchschütteln oder Ekstasen auslösen, sondern vor allem: zuhören lassen. Und doch macht der Isländer auch 14 Jahre nach dem Start seiner Musikkarriere noch einiges spannender als der stereotypische Singer-Songwriter-Sound.

Punkt eins ist dafür natürlich das Timbre des Musikers, das sowohl die tiefen warmen Strophen als auch die Kopfstimmen-Refrains mit einer warmen Unaufgeregtheit trägt. Ein schönes Hörbeispiel ist das liebevolle „Ferris Wheel“.

Punkt zwei ist das Händchen für den Pop-Anteil der Musik: Den Fokus auf die eingängigen Refrains gesetzt, kann „Julia“ bei all der folkig-mystischen Atmosphäre auch immer schnell im Ohr bleiben.

Damit schafft Ásgeir gleichzeitig umfassende Soundtrack-Arbeit für Islands Natur, als auch auf den Punkt gebrachte Melodien für Spaziergänge und Momente der Ruhe.

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