Zusammenarbeit gehört sowohl bei Phew als auch bei Danielle De Picciotto zu den Mitteln der Wahl. „Paper Masks“ ist jedoch die erste gemeinsame Veröffentlichung der beiden befreundeten Avantgarde-Künstlerinnen – und dieses Duo klingt bedrohlich und erschütternd.
Fast fünf Jahre lang schicken sie sich musikalische Fragmente hin und her: De Picciotto exportierte Texte und Gesang von Berlin nach Tokio, um die Phew (bürgerlich Hiromi Moritani) ihre elektronischen Dystopien arrangierte. Die acht Titel von „Paper Masks“ klingen allerdings nie zusammengepuzzelt, sondern wohl durchdacht und atmosphärisch aus einem Guss.
Durch das Stereobild jagen prickelnde Sounds, die in den Ohrmuscheln kitzeln und für angenehme Schauder sorgen – aber auch lautes Rauschen und Fieptöne, die oft nur schwer zu ertragen sind.
Immer wieder schlägt die Wirkung um. Erst lullt die Musik ein, dann stehen plötzlich alle Nackenhaare aufrecht und alle Zellen auf Alarmbereitschaft. Dazwischen wird auch der Inhalt der teils kryptischen Texte zweitrangig. Bei genauerer Beachtung werfen die den Jetzt-Zustand jedoch ebenfalls wieder um.
„Wacht auf“, ertönt es immer energischer zum Finale von „Amnesie“. Wie durch einen Computer akzentuiert De Picciotto in „Pixelwissen“ so befremdlich, dass man sich mehrmals fragt, ob sie überhaupt richtige Wörter verwendet. Die gehauchten Sprachfetzen auf „Im Nebel“ verschwimmen in den tatsächlich neblig klingenden Synthesizerflächen.
Obwohl Phew meinte, sie habe weniger auf die Texte als auf die Stimme als solche geachtet, hat ihre Intuition ungeahnte Verflechtungen von Sinn, Raum und Timbre hervorgebracht. Geräusche und Wörter verschmelzen zu einer Einheit – zu Klangpoesie.
„Paper Masks“ bedient definitiv den exzentrischen Musikgeschmack. Aber auch der ist unter Umständen schlecht für den Limbo-Zustand zwischen elektronischem Minimalismus und maximaler Beanspruchung ausgestattet.
Wer bereit ist, es sich zwischen ASMR-Session, Eartheater und Fabrikgeräuschen gemütlich zu machen, wird hingegen belohnt. Zwar mit einem aufrüttelnden Trip, der gar nichts mit Gemütlichkeit zu tun hat – aber solche Widersprüche nähren nun mal genau diese Art von (Klang-)Kunst.
