Mit Anjimile und seinem sechsten Album „You’re Free To Go“ beginnt alles erstaunlich leise. Kein großes Tamtam, kein Pop-Feuerwerk, eher das musikalische Äquivalent zu einer Tür, die vorsichtig geöffnet wird, während jemand von draußen fragt, ob man kurz reinkommen darf. Und ehe man sich versieht, steht man mitten in einer Klangwelt, die sich weniger aufdrängt als einschleicht.
Der Bostoner Musiker ist keiner, der sich hinter Gitarrenwänden oder Produktionsnebel versteckt. Seine Biografie aus Selbstsuche und Suchtüberwindung schwingt zwar im Hintergrund mit, doch das Album klingt nicht wie eine therapeutische Sitzung mit Akkordbegleitung.
Stattdessen wirkt seine Musik eher wie ein Gespräch bei Nacht, bei dem irgendwann plötzlich die Sonne aufgeht und man merkt, dass man viel mehr gesagt hat, als man eigentlich wollte.
Musikalisch bewegt sich Anjimile irgendwo zwischen Indie-Folk, Alternative-Pop und einer sehr modernen Singer/Songwriter-Ästhetik, die mehr Fragen stellt als Antworten liefert.
Auf „You’re Free To Go“ passiert vieles in Andeutungen, in kleinen rhythmischen Schlenkern, in Harmonien, die sich erst beim zweiten Hinhören vollständig öffnen. Das ist in Zeiten algorithmischer Sofortverwertung beinahe schon eine rebellische Geste.
Man könnte sagen, Anjimile schreibt keine Songs, sondern Gedankengänge mit Akkorden. Seine Musik wirkt manchmal so introspektiv, dass man kurz den Verdacht hat, man höre jemandem beim Nachdenken zu, allerdings auf eine erstaunlich melodische Weise.
„You’re Free To Go“, sein zweites Album auf 4AD, entfaltet dabei eine merkwürdige Mischung aus Ernsthaftigkeit und beiläufiger Leichtigkeit, als wüsste das Album selbst nicht ganz, ob es Trost spenden oder einfach nur Gesellschaft leisten will.
Am Ende bleibt der US-Amerikaner ein Künstler, der lieber Fragen stellt, als Antworten zu verkaufen. Sein Album funktioniert deshalb nicht als lautes Statement, sondern als stiller Begleiter, der sich neben einen setzt und gelegentlich kluge, manchmal auch leicht verschmitzte Beobachtungen macht.
Es ist Indie-Folk mit einem Augenzwinkern. Musik, die gelassen sagt, man dürfe jederzeit gehen, und genau deshalb bleibt man noch eine Weile sitzen.
