Möglicherweise wird nicht wenigen Fans beim Abruf des Sonic-Youth-Nachlass „Bull In The Heather“ und „Kool Thing“ gegenwärtiger sein, als „Teen Age Riot“ oder „100%“. Das könnte am Charisma von Kim Gordon liegen – sie, ihr Instrument und ihre Stimme waren untrennbar an die New Yorker Noise-Legende gekoppelt.

Dass Kim Gordon dabei trotz Schlüsselrolle auch in der Alternativ-Szene mitweilen nur als Nebendarstellerin wahrgenommen wurde, kann in ihrer Biografie „Girl In The Band“ nachgelesen werden. Diese Band ist längst Geschichte, noch längst nicht jedoch die Karriere von Kim Gordon, die mit „Play Me“ via Matador Records ihr drittes Soloalbum vorlegt.

Charli XCX Produzent Justin Raisen hat mit Kim Gordon ein Soundkonstrukt aus Riff-Fragmenten, Samples, Industrial-Gewummer und Voicedecoder-Stimmen aufgenommen, worüber die Protagonistin an vielen Stellen gängige spätkapitalistische Phrasen im Stakkato rappt.

Die Vorveröffentlichung „Not Today“ war im Vergleich zu allem, was auf dem zweifach Grammy-nominierten Vorgänger „The Collective“ zu hören war, verhältnismäßig melodisch unterwegs.

Gordons Gesang klingt in der song-orientierten Nummer so kontrolliert-poetisch wie ein später Gruß aus der Sonic-Youth-Küche, und obwohl es dato etwas zugänglicher als zuletzt bleibt, bekommt Kims Auseinandersetzung mit der KI-Gleichschaltung im Musik-Business, der toxischen Macht der Tech-Magnaten und Trumpismus den Druck, den es braucht, um die thematische Dringlichkeit hörbar zu machen.

Der Titeltrack „Play Me“ bremst den bläser-unterlegten LoFi-Big-Beat konsequent mit hektischem Megacity-Lärm aus, rast der Drumbeat so manisch-besessen durch „Girl With A Look“, wie hier die existenzielle Angst die Lyrics besetzt.

Die rohen „Dirty Tech“ und „Square Jaw“ zerren kakophon an den Ketten der Hörgewohnheit; Tonfetzen, die sich in der Semi-Spoken Word-Veranstaltung „Black Out“ aus den Background nach vorn drängen, könnten von Maschinen aus dem FM-Einheit-Klanglabor stammen, schwer atmet der Bass in „Subcon“,

Einige Stellen reißen Löcher in die Sperrigkeit, wackelt „Post Empire“ fast so lasziv mit der Hüften, wie die vielen Stücke der ehemaligen Band, die über die Jahre nicht unwesentlich von der Aura der Protagonistin lebten.

Wenn „ByeBye25!“ am Ende das Album noch einmal zusammenfasst, ist sicher, dass für Kim Gordon auch mit 71 Jahren künstlerische Zugeständnisse keine Option sind.

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