Lindsey Jordan alias Snail Mail macht mit ihrem dritten Album „Ricochet“ den nächsten Schritt: Subtiler, feinfühliger, groß. Ein Album, bei dem man sich trotz der Schwere der Themen schon zum Frühlingsbeginn vollumfänglich im Hochsommer wähnt. Chapeau vor so viel raumgreifender Behaglichkeit.
Über vier Jahre sind vergangen, seit die US-Songwriterin ihr bis dato letztes Album „Valentine“ veröffentlicht hat. Vier Jahre, in denen viel passiert ist im Leben von Lindsey Jordan: Eine Operation an den Stimmbändern, intensive Sprachtherapie, ein Schauspieldebüt im Horrofilm „I Saw The TV Glow“, wo sie eine Buffy-artige Heldin (Horror Fernsehserie aus den späten Neunzigern) mit übersinnlichen Kräften spielt – und offenbar auch eine leise, aber nachhaltige Verschiebung der eigenen Perspektive.
„Ricochet“ trägt all das in sich, aber nie demonstrativ vor sich her. Die Stimmung der Songs schwankt zwischen unaufdringlich und zurückgelehnt, bis farbenfroh und schillernd. Im Zweifel alles zusammen, wie im wunderbaren „My Maker“. Einnehmende Melodien treffen hier auf konkrete Selbstbeobachtungen, die – wenn der Song es verlangt – mit Streichern ausstaffiert werden.
Auch in diesem Fall gelingt Jordan das Kunststück, nie zu dick aufzutragen. Man höre nur das opulente und doch verletzlich nachhallende „Light On Our Feet“.
Inhaltlich tastet sie sich an Themen heran, die sie lange gemieden hatte: Tod, Vergänglichkeit, die Frage nach einem Danach. Die 11 Songs von „Ricochet“ kreisen um die Angst, dem eigenen Leben beim Entgleiten zuzusehen – und um die Verletzlichkeit, die entsteht, wenn Liebe nicht mehr bloß Pose ist, sondern Risiko.
„Leid und Elend“, hat Jordan einmal gesagt, fielen ihr leicht zu beschreiben, „aber ich bade nicht mehr in meiner eigenen Qual.“ Und in dieser Hinsicht ist „Ricochet“ ein regelrechter Triumph.
Statt ob der thematischen Last in Schwermut zu versinken, entsteht ein überaus lebensbejahendes Album. Mit der Gitarrenarbeit ihres Debütalbums „Lush“ (2018) und der Leidenschaft des Nachfolgers „Valentine“ kombiniert sie ihre Stärken zu etwas Neuem – und ihrem bislang kohärentesten Album.
Musikalisch steht dabei klar ihr Händchen für atmosphärischen Bedroom-Pop, der lauschigen und bestimmten Sorte im Vordergrund. Ihre ausbalancierten Arrangements kippen dabei immer wieder gekonnt in schwelgerischen 90er-Alternative-Rock, oder den Emo-Pop von Indie-Lieblingen wie Sunny Day Real Estate.
In Summe versprüht „Ricochet“ so viel Endorphine, dass man unweigerlich das Leben umarmen möchte. Und kein noch so alter weißer Mann mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, in einem für ihn viel zu mächtigen Amt, kann dieses Gefühl wegbomben.
