„There’s a lot of talking, when Laibach drops a song“ konstatiert Milan Fras in „Allgorhythm“ auf ihrem neuen Album „MUSICK“, hat doch das Künstlerkollektiv in den letzten Jahrzehnten – Kraft ihrer Klangkunst – totalitäre Fantasten, nordkoreanische Führungskader und letztlich auch Fans oft genug in der Deutung ihrer Werke im Unklaren gelassen.
Dabei bleibt es auch auf „MUSICK“, worauf die Slowenen optisch bonbonfarbene Agitation einimpfen und akustisch brachiale Gewalt und Kakophonie gegen elegante Melodien tauschen.
Ihr Thema ist dato die netzflutende KI-Musik, eine Übersättigung mit algorhythmusgenerierten Klängen für alle Gelegenheiten, die von Laibach per überzeichneter Glorifizierung so gefeiert wird, wie die Kritik am charakterlosen Massenprodukt als trojanisches Pferd auf der Platte grast.
Laibachs Analyse des Mediums bedeutet nicht, die Produktion eines Hits (wofür The KLF mit „The Manual (How to Have A Number One The Easy Way)“ bereits eine Kurzanleitung hinterlegten) zu beleuchten, sondern die Komplexität der Musik, ihre Wechselwirkung, ihre Manipulativkraft und ihren Wert auf Metaebene zu betrachten, wenn jede „Singularity“ abhanden gekommen ist.
Mit sowohl analogem Equipment als auch app-basierten Sounds eingespielt, finden sich in den Stücken auf „MUSICK“ K-Pop, Eurodance, Autotune und Kraftwerk-affine Samples, werden glatte Oberflächen mit Laibachscher Zackigkeit eingekerbt, brummelt Milan Fras – für seine Verhältnisse in Teilen euphorisch – über die Arrangements, um in der nächsten Zeile Social Media zu geißeln, per „Big Brother is watching you“ die Dystopie „1984“ an die Textwand zu malen.
Die Kosmopoliten haben gegensätzlichste Stimmen unter der „MUSICK“-Flagge vereint: Unter anderem die ghanaische Sängerin Wiyaala, ihre stimmgewaltige Live-Partnerin Donna Marina Mårtensson und verschiedene Landsleute aus der Szene geben den Nummern ihre personality mit auf den Weg, eine Vielfalt, die „Das Göttliche Kind“ AI (noch) nicht programmieren kann.
Dräuendes Industrial-Ambiente positioniert „Resistencia“ gemeinsam mit Indie-Rocker Gregor Strasbergar als organischen Gegenpol zur Reagenz, die „Balkan Trap Diva“ Senidah haucht „Love Machine“ Seele ein, „Luigi Magione“ hat Italo-Western-Staub am Revers, „Keep It Reel“ beschleunigt wie das DAF-Cover „Alle Gegen Alle“ vom 1994er Album „NATO“ und „Yes Maybe No“ empfiehlt sich als Clubknaller.
„I‘m sick of music“ so der reizüberflutete Milan Fras im Titeltrack „Musick“ – um mit David Carradine alias Bill im Film „Kill Bill: Vol. 2″ zu antworten: „Aren’t we all?“.
