„Den größten Gefallen, den Du deinen Kindern tun kannst, ist, sie gar nicht erst zu zeugen“ rieten OK Kid schon in „Kein Mensch“ auf dem 2022er Album „Drei“, mit dem Finger tief in gesellschafts- und geopolitischen Wunden bohrend.
Rückblickend schien vor einigen Jahren Diskurs trotzdem noch möglich, galt Konsens noch mehr als ein Griff in das Elefantenklo ihrer Heimatstadt Gießen. Die Fronten sind jedoch längst verhärtet, dystopisch die Gemengelage, was die Band in der „Hoffnung Stirbt 1-3“-Trilogie dokumentiert.
Aus den „Klassensprechern der Generation Y“ sind mittlerweile Analysten geworden, die nach zweijähriger Katharsis mit „Komm, Wir Bleiben Stehen“ wieder in den Ring steigen und in 13 neuen Tracks ein Stimmungsbild zeichnen, das ihren persönlichen Status Quo verortet – inmitten eines Umfeldes, in dem aus unterschiedlichen Standpunkten direkt Demarkationslinien werden.
Seit 2013 über ihre Alben stilistisch gefestigt, knüpft die neue Ausgabe in ihrer Komplexität an ihre Vorgänger an, tarieren Rap, Indie-Rock und Samples in einer musikalische Sprache aus, mit der sich Jonas Schubert, Moritz Rech und Raffael Kühle auf Augenhöhe mit Kraftklub-Hymnen, K.I.Z-Sarkasmus und Bosse-Lyrics befinden.
Befeuert von Leidenschaft, Know-how und bis ins Detail durchdachten Arrangements, jagt „Rave On“ durch die rebellische Nacht, seziert „Wie Ein Echter Mann“ toxische Männlichkeit und beschwört „Hör Nie Auf“ die unbedingte Notwendigkeit des Dagegenseins.
Der hauseigene Sound bleibt variabel, „Clowns“ werden von der Zirkuskapelle samt Trompetensolo am Nasenring durch die Manege geführt; wie ein Hilferuf nach einem sicheren Hafen flutet „Ein Ganzer See“ flimmernd ein Pop-Delta, dreht die Zeitgeist-Ballade „50823“ harmonisch ihre Runden um das Ende des Idealismus.
Die Protagonisten generieren auch ohne „Farbfilm“ Hoffnung in schwarz-weiß, durchbrechen mit emotionaler Kraft – zumindest für den Moment – „Einfach So“ die Dauerbefeuerung aus Breaking News, Social Media und dem dauerhaft in Aussicht gestellten Ende von allem.
„Komm, Wir Bleiben Stehen“ verzichtet – außer dem dezenten Zutun von Luisa Neubauer und Max Richard Leßmann – auf Feature-Gäste, OK Kid stellen sich bewusst ohne Support in den rauen Wind der Zeit. Danke dafür.
