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Es gibt Leute, die kaum auffallen, wenn sie öffentlich den Mund aufmachen, aber irgendwie eloquent und klug wirken. Verteidigungsminister Boris Pistorius ist so ein klassischer Fall eines ‚Wohltöners‘, den man sich gut als Berieselung anhören kann. Die Singer/Songwriterin Beth Orton hat man auch so in Erinnerung, besonders wenn man ihre Anfangswerke wie „Trailer Park“ und „Central Reservation“ nochmal aus dem Regal zieht.

Die einstige Trip-Hop- und Folktronic-Künstlerin Orton hat ihren Werdegang in der Musikbranche neben anderen Big Beat- und Broken-Beats-Projekten bei The Chemical Brothers begonnen und für deren ersten beiden Alben je ein Stück gesungen. Von dieser Vorgeschichte hatte sie sich auch schon auf ihrem letzten Album „Weather Alive“ (2022) meilenweit entfernt.

Jetzt ist sie noch mehr in Richtung von Instrumente-Musik gegangen und zugleich weg vom Sphärischen zum Kantigen. Orton verwendete für ihr neues Werk „The Ground Above“ Session-Aufnahmen, die als organische Takes der gesamten Besetzung entstanden, und behielt die Regie über das Album.

Die 55-jährige Engländerin hat sich für das neue Album eine Band zusammen gestellt und beschäftigt drei Schlagzeuger – darunter Chris Vatalaro, mittlerweile zu Radiohead gestoßen, der auch schon mit Brian Eno gearbeitet hat, und Paul Butler, der Michael Kiwanukas Durchbruchs-Werk „Home Again“ produzierte und darauf trommelte.

Auf „The Ground Above“ bricht sie zu rumpelndem Jazz-Rock-Schlagzeug über uns herein, kläfft halbwegs, erzittert, während sie große Worte schmettert – „I know who is I’m fighting (…) when love’s the only certainty that there really is“.

Sie gelangt zu markanter Wortwahl („nearly pissed ourselves“), und die gesangliche Phrasierung, die Dringlichkeit zum Ausdruck bringt, wirkt durch und durch spannend, ihr droht keine Beiläufigkeit.

Während die gefühlte Hälfte aller Singer/Songwriterinnen heute Joni Mitchell als Referenz oder Idol angibt, hat Beth Orton vor allem eine Parallele mit Joni – und diese besteht im angejazzten Charakter dieses Albums, der ein bisschen der Stimmung von Herbie Hancocks Tribute-CD „River: The Joni Letters“ entspricht.

Orton hingegen entscheidet sich für gewichtigere, regelrecht wuchtigere, imposante Stücke, verglichen mit dem, was der Folk-Pop-Markt sonst so aufbietet. Ihre neuen monumentalen Gebilde haben nichts Zerbrechliches mehr. Manchmal sind es Reflexionen und Impressionen am Klavier, wie in „Before I Knew“, dann gibt es eine Parallele zu Tori Amos.

Teils entfaltet Orton zu einem hüpfenden Rhythmus einen Jazz-Pop, der sich so orchestral mit Schwere vollgesogen hat, dass die Auseinandersetzung von Leichtigkeit mit Schwerkraft einen erheblichen Teil des Reizes ausmacht. Der kämpferische und beinahe einer Shakespeare-Theaterinszenierung würdige Vokal-Vortrag sorgt für den anderen Teil des Reizes.

Zwischen den Bläsersätzen von „Cigarette Curls“ bleibt trotzdem noch Platz für ein avantgardistisches Gitarren-Solo. Phasenweise wähnt man sich in der Welt Fiona Apples. Über den einzigen Song unter fünf Minuten, „Waiting“, sagt Beth, dieser lehne sich an die Kompositionen von Laura Nyro und Carole King an.

Beides wirkt beim Anhören völlig nachvollziehbar. Nyro war eine dem Soul verhaftete interessante symphonische Songschreiberin und ikonische Verkörperung weiblicher Perspektiven in der Musik. King ist die berühmte Autorin des Albums „Tapestry“, das 1971 Maßstäbe für Singer/Songwriter-Musik setzte.

Während sich die „A-Seite“ durch rhythmische Komplexität und durch unergründliche Dramaturgien auszeichnet, mündet die „B-Seite“ in ruhigeres, gleichzeitig aber auch schwermütigeres Fahrwasser ein. Überraschend klingt der erste Teil, hörenswert sind beide.

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