Folge deinen Lieblingskünstler*innen – verpasse kein Konzert · 
Jetzt Fan-Mitglied werden

Neun Jahre ist es her, dass Big Thief zum ersten Mal in München gastierten – damals im Unter Deck, einem Kellerclub, in den ungefähr so viele Menschen passen wie in die Garderobenschlange der TonHalle.

Aus dem Geheimtipp ist mittlerweile eine publikumsanziehende Institution geworden, und doch hat das New Yorker Trio um Adrianne Lenker offenbar beschlossen, den großen, ausverkauften Saal am gestrigen Montag so zu behandeln, als sei er noch immer jener Keller: leise, tastend, fast verschämt groß.

Den Auftakt machte zunächst Ata Kak, die – von den Zuschauer*innen bereits bejubelt – von Big Thief persönlich angekündigt wurden. Der ghanaische LoFi-Held schickte seinen kassettengeborenen Highlife-Hip-Hop in einen Raum, der auf Folk-Country-Besinnlichkeit eingestellt war. Vereinzelte Buhrufe in den hinteren Reihen taten der offensichtlich guten Laune des Stakkato-Scat-Rappers und seiner drei Mitmusiker*innen jedoch keinen Abbruch und so dauerte das Ata-Kak-Set mit knapp 45 Minuten länger als geplant.

Es folgte eine weitere Dreiviertelstunde Pause, ehe Big Thief kurz vor 21:30 Uhr die Bühne betraten und mit ihrem Hit „Vampire Empire“ eine entspannt improvisierte statt perfekt durch-choreografierte Show begannen.

In beinaher Originalbesetzung (nur am Bass hat den 2024 von Max Oleartchik geräumten Posten inzwischen Joshua Crumbly übernommen) spielte sich die Band durch den Auftritt, verhaspelte sich und stimmte neu an, lachte über sich selbst.

Das Publikum verzieh nicht nur, es feierte: Jede Ansage, jedes hingetupfte Riff, jeder zaghaft gesummte Auftakt wurde mit Inbrunst quittiert und nahezu jeder Song, mal lauter, mal leiser, mitgesungen.

Adrianne Lenkers Stimme, in der man die spröde Wärme einer Juliana Hatfield und das eigensinnige Flackern einer Victoria Williams gleichermaßen hört, brauchte keine Kulisse, sondern nur sich selbst und ein paar Saiten, während ihre Band – insbesondere Schlagzeuger James Krivchenia – hinter ihr alles gab.

Selbst die ausgedehnten Gitarrensoli von Adrianne – anderswo gern das Reich seliger Selbstverliebtheit – gerieten zu kleinen Erzählungen statt zu Fingerübungen, etwa wenn sich „Simulation Swarm“ und „Real House“ in verschlungenen Klanglandschaften auflösten.

Auch das Missgeschick wurde zur Geste: „Christmas Day“ brach Lenker mitten im Stück mit einem lauten „Holy shit, sorry“ ab, weil sie sich offenbar über die Monitore nicht laut genug hörte, und ging kurzerhand – nach einem „I love you guys“ in Richtung Publikum – zu „Mr. Man“ über.

Nach „Not“ murmelte sie, sichtlich gerührt, etwas von „blessed to be here“, von einer seltsamen Stimmung da oben bei ihr auf der Bühne (im Unter Deck performten sie noch auf Zuschauerhöhe) und von Dankbarkeit für die Gastfreundschaft.

Mit dem bislang unveröffentlichten „Pterodactyl“ wagte das Quartett einen Blick nach vorn in einer Setlist, die ziemlich gleichmäßig die gesamte Schaffensperiode abdeckte, bevor der reguläre Teil mit „Evol“ von Lenkers Soloplatte „Bright Future“ von 2024 ausklang.

Den schönsten Moment hoben sich Big Thief für die Zugabe auf. Bei „Beautiful World“ schwenkte der Saal Handylichter, im zweiten Teil des Songs sang Lenker schließlich allein weiter, begleitet von einem leise mitsummenden Publikum – ein Chor, der sich selbst zum Flüstern bremste. Auch das abschließende „Incomprehensible“ trugen die Zuschauer*innen behutsam mit – Andacht statt Mitgrölen.

Am gestrigen Abend gab es keine extrovertierte Show, keine Choreografie, keinen zurechtgezimmerten Spannungsbogen – und genau darin lag seine Besonderheit. Manchmal ist das Beinahe eben wirkungsvoller als der große Auftritt.

Kommende Konzerttermine

Keine aktuellen Termine

Schreibe einen Kommentar

Das könnte dir auch gefallen

Video

Beck – In The Night – Neues Video

Video

Arab Strap – Glamour Magick – Neues Video

Album

Lido Pimienta – Caribenya

Login