Beim Hereinkommen in die Live Music Hall gestern Abend offenbart sich das Merch-Angebot. Es gibt zwei Sorten T-Shirts: schwarz und pink. Wie sich am Ende des Konzerts herausstellt, gehört das schwarze zur Vorband Grenzkontrolle, das pinke zu Celeste.
Celeste hat mutmaßlich keinen persönlichen Bezug zu Grenzkontrolle aus Köln, der gleichnamigen Band in ihrem Vorprogramm. Diese zieht trotzdem etwa die Hälfte des Publikums in der ausverkauften Kölner Halle.
An der Temperatur mag es nicht allzu sehr liegen, diese ist in der Halle gefühlt ein halbes Grad unter der in den Außenbereichen. Und dort kann man ein paar Stimmen vernehmen, die mit der fehlenden Passung zwischen Support-Act und Star nicht zurecht kommen. Fraglich ist aber, wer wirklich zu Celeste passen würde. Sie selbst tourte schon als Anheizerin für Michael Kiwanuka.
Dann kommt die Brightonerin mit jamaikanischen Wurzeln und die erste Stunde der Show ist eine Balladen-Stunde mit einer einzigen knappen Ansage. Es scheint, als wolle Celeste ganz bewusst ihr Auditorium zur Ruhe führen.
Die erste Hälfte dieser Balladen-Strecke verbringt die Soul-Muse im Stehen. Dabei fällt auf, dass der silberne Teller auf ihrer Gürtelschnalle ungefähr genau so groß ist wie ihr Gesicht. In der Band gibt es einen Keyboarder und einen Pianisten. In der zweiten Hälfte sitzt Celeste auf dem Bühnenrand, von den hinteren Reihen aus kaum mehr zu sehen.
Ältere Stücke machen den Auftakt, darunter das autobiographisch angelehnte „Father’s Son“, die Geschichte ihres jamaikanischen Papas, mit dem sie spät und kaum Kontakt hatte und dann nur telefonisch.
Dass Celeste die klassischen Jazz-Interpretinnen nicht nur in Großmutters Plattenschrank fand, sondern auch verehrt, wird in dieser ganzen ruhigen Stunde sehr eindeutig klar. Dieser Block enthält „Strange“, „Lately“ und vieles andere aus ihren beiden Alben – „Not Your Muse“ und „Woman Of Faces„, Covern ist hingegen offenkundig nicht ihr Ding.
All die übergangslos performten Songs scheinen miteinander zu verschwimmen, Celeste selbst gönnt sich nicht mal Pausen, um bei tropischer Wärme und extremer Schwüle einen Schluck zu trinken; immerhin nippt ihr Gitarrist gelegentlich an einer Wasserflasche. Auch im Publikum bewegt sich während dieser Andachts-Stunde vom Fleck.
Zu Beginn des zweiten Blocks, der wildere, knackige und auch rockige Töne einbringt, springt die noch nicht ganz verdurstete Celeste sogar mal aus der Hocke, spricht gelegentlich, zumindest kurz, und steigert das Spieltempo drastisch.
Höhepunkt ist die Premiere des unveröffentlichten „Machine Friend“, anknüpfend an ihr letztjähriges Lied „Could We Be Machine?“ Die Idee zu „Machine Friend“ sei ihr in Japan gekommen. Das kathartisch aufgebaute Stück kommt, wie später am Merch-Stand zu hören, einhelliges Lob von Celestes Die-Hard-Fans, obwohl der Song stilistisch allen bisherigen widerspricht. Aber, wie die Songwriterin betont, man müsse sich ja weiter entwickeln dürfen, „you have to grow“.
Freiheit ist ihr ganz wichtig, das macht Celeste immer wieder in ihren Liedtexten und schließlich auch in einer Ansage klar. Die Leute würden sicher auf bestimmte Lieder warten, das könne sie sich denken, aber trotzdem baue sie ihr Programm nicht auf solchen Erwartungen auf.
Angesichts der handwerklich hochklassigen Crew auf der Bühne und Celestes perfekter Phrasierung gibt es dagegen keinerlei Protest. Zum Ende hin lässt sie dann doch noch „Stop This Flame“ vom Stapel, einen Song, mit dem wohl viele sie für sich entdeckt haben.
Für die Zugabe gesellt sich einzig ihr Pianist zu ihr – erst jetzt fällt auf, dass der am hinteren Bühnenrand sitzende Musiker ein Klavierspieler ist, als es nur ihn und die überwältigende Stimme gibt.
In Summe hat die Künstlerin abweichend zur Reizüberflutung ihres letzten Albums „Woman Of Faces“ performt. Sie gab zu bedenken, es sei 2022 schon fertig gewesen und erst Ende 2025 erschienen – was wohl nicht in ihrer Hand lag. Schon im Herbst hatte sie gesagt, sie hätte es lieber anders produziert – in der Live Music Hall zeigte sich gestern, inwiefern anders, denn manchmal ist weniger mehr und eine klare Struktur ist kein Widerspruch zu Soul.
