Der „Castle Park“ von Graham Coxons unveröffentlichten Aufnahmen, die 2010 bis 2011 entstanden, umfasst ein Klang-Areal von Mod-Soul, Garage-Rock und Psychedelic über Klassik und Klang-Collage bis hin zu romantischem, mehrstimmigem Novelty-Surf-Pop und Sixties-Swinging London-Stil.
„Castle Park“ erscheint lange nach Coxons letzten regulären Solo-Alben und in einem Aufwasch mit zwei Wiederveröffentlichungen vergriffener Scheiben. Der Blur-Gitarrist hatte sich zuletzt im Duo The Waeve ausgedrückt, auch mit einer Reihe von Soundtracks war der Multiinstrumentalist aus der Region Essex beschäftigt.
Wie bei so manchem Album, wird die erste Vorab-Lead-Single von „Castle Park“ den tollen Melodien des restlichen Longplayers nicht gerecht. „Billy Says“ zeichnet sich jedoch durch einen höheren Bekanntheitsgrad aus, denn der mittlerweile 57-jährige Künstler hat die Nummer bereits live auf mehreren Tourneen vorgetragen.
Besondere Sympathie weckt sein teils gepfiffenes „Alright“. Dessen warme Gitarrenläufe und sattes Basstrommel-Stakkato setzen gekonnt das Werk der Small Faces aus den Sechzigern fort.
Wie die Fortsetzung des „Dr. Robert“ von The Beatles (1966) oder deren „Baby’s In Black“ (1964) klingen die erdigen Riffs im Duett „There’s A Little House“.
The Kinks scheinen im Hintergrund zu winken, während man „When You Find Out“ verfolgt. Kompakt und prägnant wie eine 1960er-zwei-Minuten-Single mit ersten Garage-Prototypen zieht Coxon diesen Track durch. Ebenso lässt sich dort seine rhythmische Vorliebe für den britischen Two-Tone-Ska im zappelnden Taktmaß durchhören.
Den Easy-Listening-Vorfahren Burt Bacharach scheint Coxon auch zu verarbeiten, lässt das Stück „Isn’t It Funny“ in Retro-Jazz-Stimmung erahnen. Derweil vermittelt „Tripping Soul“ ein bisschen Latin-Groove.
Zum Sammelsurium gehört zudem ein Instrumental, die kammermusikalisch gestaltete „Mélodie Pour Christine“. Der einstige Münsteraner Coxon, der als Kind nach Großbritannien umzog, hat in seiner Eigenschaft als studierter bildender Künstler auch Hand ans schöne Artwork gelegt.
Die Platte verdient definitiv, dass sie nun anderthalb Jahre nach den Aufnahmen doch noch ihr Publikum findet. Zum einen ist die Musik zeitlos, zum anderen knackig, exzellent produziert und leicht zugänglich.
Um den technischen Schliff kümmerte sich Ben Hillier. Er hatte kurioser Weise genau dasjenige Blur-Album eingetütet, an dem Graham nicht mitwirkte, „Think Tank“.
Der luftige Charakter der meisten Stücke sorgt für eine Stimmung von Lässigkeit und Urlaub, gleichwohl keine Hymne vom Format eines „Song 2“ von Blur enthalten ist. Immerhin: Ein besonderer Höhepunkt ist das von E-Orgel erwärmte „Forget Today“ in tänzelndem Rhythmus.
Dass das „very big house in the country“, das Blur 1995 porträtierten, auf dem „Castle Park“ liegen könnte, das vermittelt dieses Album schon: Es knüpft an goldene Zeiten des Brit-Pop an.
