Nach drei gefeierten Alben („Don’t Let The Kids Win„, „Crushing„, „Pre Pleasure„) steht der Name Julia Jacklin bei vielen Musikfans ganz weit oben auf der Liste, wenn es um emotionalen Indie-Folk mit leichtem Country-Einschlag geht. Für ihren vierten Longplayer „The Gem“ nimmt sich die gebürtige Australierin besonders viel Zeit. Kurz vor der Veröffentlichung des neuen Albums trafen wir uns mit Julia Jacklin zum Interview und sprachen über das Fundament des großen Ganzen, sich verändernde Soundreisen und die Liebe.
MusikBlog: Julia, Zeit ist ein Luxus, den sich viele Musiker*innen nur selten leisten können. Aufgrund deines Labelwechsels von Transgressive zu 4AD hattest du diesmal viel Zeit für dein neues Studioalbum. Wie hat sich das angefühlt?
Julia Jacklin: Es war eine ganz neue Erfahrung. Normalerweise nimmt man ein Album auf, dann geht man damit auf Tour. Und wenn man wieder zurückkommt, setzt man sich ans nächste Album. Als Teil dieser Industrie landet man irgendwann in so einem Strudel. Ich wollte diesen Kreis durchbrechen und mir für das neue Album bewusst mehr Zeit nehmen.
MusikBlog: Welche Fragen stellt man sich innerhalb dieses Prozesses?
Julia Jacklin: Nun, in erster Linie habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn dieses Album mein letztes sein würde? Diese grundlegende Frage setzt vieles in Bewegung. Ich will die richtigen Gründe für meine Arbeit in den Vordergrund stellen. Warum mache ich Musik? Was ist mir wichtig? Das alles gelingt natürlich besser, wenn man sich entsprechend Zeit nimmt.
MusikBlog: Du hast dir für dieses Unterfangen einen ganz speziellen Ort ausgesucht.
Julia Jacklin: Ja, wir haben das Album in einem kleinen Studio in Melbourne aufgenommen. „The Gem“ ist der Name der Bar, die sich direkt unter diesem Studio befindet.
MusikBlog: Was war das Besondere an diesem Umfeld?
Julia Jacklin: Man hatte ständig Kontakt mit Gleichgesinnten. Musiker*innen gingen dort ein und aus. Es war irgendwie immer was los. Egal, ob nur fünf Leute in dem Pub waren, oder alles voll war: Es war immer eine tolle Stimmung. Von überall her drang Musik durch die Wände. Es war einfach der richtige Ort für dieses Album.
MusikBlog: Am Ende hast du und deine Bandkollegen diese Erfahrung auf ganz besondere Weise festgehalten.
Julia Jacklin: Ja, das stimmt. (lacht) Wir haben uns alle danach ein gemeinsames Tattoo stechen lassen. So ein Gemeinschafts-Tattoo ist ja sehr beliebt unter Bands. Ich wollte mir das aber für einen ganz besonderen Moment aufheben. Und diesmal war es einfach der richtige Augenblick.
MusikBlog: Das erste Mal ohne Zeitdruck, die besondere Umgebung, das erste Band-Tattoo: All diese Neuerungen spiegeln sich auch in der Musik wider. Die neuen Songs klingen wesentlich roher und direkter. Inwiefern hat das ganze Drumherum Einfluss auf die Musik genommen?
Julia Jacklin: Der Pub und die vielen Leute haben mich natürlich unheimlich inspiriert und mir auch noch einmal gezeigt, wo ich musikalisch eigentlich herkomme. Wenn man erfolgreicher wird, dann verändern sich manche Dinge ganz automatisch. Alles wird größer, der Sound wird voller und die Studios immer teurer. Das bin aber nicht ich. In einem kalten High-Tech-Studio fehlt mir die Inspiration. Ich muss dahin, wo die Musik ihre Basis hat. Ich bin mein ganzes Leben lang schon immer gerne in Pubs und Kneipen unterwegs gewesen. Da kommt meine Musik her. Diesen Sound und diese Vibes wollte ich auch in mein neues Album einbinden.
MusikBlog: Gibt es Songs auf dem Album, die diese Erkenntnis und die damit verbundene Rückkehr zur Basis besonders hervorheben?
Julia Jacklin: Der Opener „Brand New“ ist ein gutes Beispiel. Dieser Song hat eine lange Entstehungsgeschichte hinter sich. Die erste Version klang ganz anders. Ich schrieb diesen Song so, dass er anderen gefällt. Oder anders gesagt: Ich schrieb ihn nicht für mich. Ich hatte das Gefühl, dass es gewisse Erwartungen gab. Und an diesen habe ich mich orientiert. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass das der falsche Weg ist. Der Song hat sich dann immer weiter verändert, bis er schließlich so klang, wie er mir persönlich am besten gefällt. Das ist jetzt die Version, die auf dem Album zu hören ist. Das war ein langer Prozess, der sich aber gelohnt hat.
MusikBlog: Ein wichtiges Thema auf dem Album ist die Liebe. Im Pressetext zum Album steht: Du würdest gerne lieben und geliebt werden, ohne dabei deine Freiheit einbüßen zu müssen. Was genau meinst du damit?
Julia Jacklin: Ich habe lange Zeit gebraucht, um etwas ganz Wichtiges in Bezug auf die Liebe zu lernen. Wenn du Leuten Liebe und Zuneigung schenkst, die dir nahestehen, die dich respektieren und dich auch lieben, dann fühlst du dich auch frei. Da ist kein Druck da und auch kein unerfülltes Verlangen. Mein Problem war: Ich bin mit meiner Liebe zu oft an die falschen Menschen geraten. Und wenn das passiert, erfährst du Liebe nicht, wie sie eigentlich sein sollte: nämlich ohne zu viele Fragen, ohne Druck und ohne Angst. Der Schlüssel ist: Man muss die Liebe richtig platzieren. Dann ist alles gut.
MusikBlog: Wie viel Liebe empfindest du, wenn du auf der Bühne stehst? Wenn ich mir Live-Videos von dir anschaue, dann habe ich das Gefühl, dass du die Momente auf der Bühne besonders genießt. Stimmt das?
Julia Jacklin: Ja, absolut. Ich mag wirklich alles an meinem Job. Aber am meisten liebe ich es, wenn ich meine Songs mit den Menschen teilen kann. Manchmal wenn ich in einem Produktionsprozess feststecke, frage ich mich: Wann ist es endlich wieder soweit? Wann kann ich endlich wieder zurück auf die Bühne? Für mich gibt es wirklich nichts Schöneres, als diese Verbindung zu fühlen und zu erleben.
MusikBlog: Du teilst deine intimsten Gedanken und Gefühle mit deinem Publikum. Kostet das auch ein bisschen Überwindung?
Julia Jacklin: Nein, überhaupt nicht. Am Ende des Tages teile ich nur das, was ich teilen möchte. Das ist nur ein Teil von mir. Es gibt noch persönlichere Gedanken und Gefühle, die ich aber nur meiner Familie und meinen Freunden anvertraue. Ich habe also die Kontrolle, was sehr wichtig ist. Und dann ist da auch noch die Gewissheit, dass ich mit meinen Gefühlen und Emotionen nicht allein bin. Die Menschen kennen die Probleme. Wir alle machen ähnliche Erfahrungen. Das hilft mir dabei, mich nicht zu verletzlich zu fühlen.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
