Als Raye und 007 Shake „Escapism“ herausbrachten, trafen sie einen Nerv. Seither, seit vier Jahren nunmehr, ist Soul-Musik ungebrochen in den Charts zurück. Von solchen Höhenflügen ist das Trio Gotts Street Park zwar meilenweit entfernt, aber das kann sich schnell ändern.
Seit dem Aufkommen von Neo-Soul hatte es schon einmal eine Retro-Welle in diese Richtung gegeben. Sie sortierte sich um die New Yorker Dap-Kings, das Haus- und Hof-Ensemble des Labels Daptone, und diese fungierte als Dienstleister für viele ihrer Künstler*innen.
Nun hat auch Großbritannien so eine Art ‚Backing-Band‘, doch Josh, Joe und Tom von Gotts Street Park sind sogar noch viel mehr. Die Drei an Bass, Gitarre und Keyboards entwickeln alle Songs mit ihren Gästen gemeinsam, in einem Ping-Pong-Schreibprozess.
Die Band trägt Komposition und Arrangements bei, die Gäste am Mikrofon texten und modifizieren dann wieder die Musik. Ein solcher Gast ist Celeste. Und da sind wir bei dem Punkt, weshalb Hit-Höhenflüge möglich sind: Denn Celeste genießt mittlerweile hohe Popularität, vermag sogar in Deutschland Konzerte auszuverkaufen, und Josh hat ihr schon zu Platz sechs der deutschen Album-Charts verholfen.
Wenn Gotts Street Park zu uns kommen, bringen sie auch eigene Instrumental-Stücke mit. Vier solche enthält der Longplayer. Nicht alle singenden Feature-Beteiligten dieses zweiten Albums touren mit, stattdessen eine Auftragssängerin und ein Session-Drummer.
Das verflixte zweite Werk ist „Somewhere Between“ nun in der Nachfolge von „On The Inside“ nicht geworden, sondern ein äußerst würdiger und auch ähnlicher des Debüts vor drei Jahren. Erst schaute man sich das Innere an, die Seele und den Soul (wobei das Trio noch weitaus mehr mit Jazz, Reggae und Hip Hop sozialisiert ist).
2026 treibe man sich im Zwischenraum zwischen Soul, Folk und Psychedelic herum, meint der Promotext. Diese Beschreibung trifft hauptsächlich beim smarten Instrumental „Slippy“ und seinen faszinierenden Bassläufen zu sowie beim ‚Rausschmeißer‘ „Going Home“, der schon mehr Psychedelic-Jazz-Rock ist.
„Going Home“: Dreht es sich darum, nach Hause zu gehen, war dieser Weg für Gotts Street Park anfangs ein Katzensprung: Der Gotts Park in der englischen Stadt Leeds liegt gegenüber dem Haus, in dem Josh wohnte, als sich die Band gründete. Heute operiert man vor allem in der Hauptstadt London, dort trifft man die Vokalist*innen an.
Bei den gesungenen Titeln kommen manche Gäste wie schon letztes Mal zum Vorschein. Mehrere davon haben Soul-Stimmen, Phrasierung, Erfahrung und Verwurzelung im Genre: Pip Millett, von Manchester fürs Studium nach London gezogen, trägt das beschwingte „Flowers“ bei.
Schon im Jahr 2019 produzierte Gotts-Bassist Josh Crocker, der auch Tasten und Trommeln bedienen kann, mehrere Stücke für Pip (die übrigens auch selbst Bass zupft). Die neue Kollaboration ist wieder schick, gefühlvoll und eingängig.
Olive Jones, Sängerin und Saxophonistin, zog von der englischen Südküste nach London. Sie unterzieht sich auf „Wake Me Up“ coolem Keyboard-Soul, den man sich tatsächlich genauso gut beim Aufwachen wie auch beim Schlafengehen anhören kann, jedenfalls an den Tagesrändern.
Die nächste Amy Winehouse wird latent gesucht, doch sollte man sich dafür die 24-jährige Sofia Atkinson-Hieber merken. Unter dem Namen Sofia And The Antoinettes steigert sich die auf Mallorca aufgewachsene Wahl-Londonerin in ein impressionistisches und zugleich expressives Drama, in dem sie persönliche Jugenderinnerungen und Reflexionen über Freundschaft und Vertrauen mit der bildlichen Vorstellung „Shape Of America“ und mit Symbolen wie Trinken und Rauchen zu einem poetisch extrem dichten und musikalisch ergreifenden Vortrag verwebt.
„Shape Of America“ ist einer der überraschendsten Tracks 2026 und einer der besten Soul-Songs des Jahres. Dass Sofia sowohl Leonard Cohen als auch Lana Del Rey zu ihren Vorbildern zählt, merkt man der Performance eindeutig an.
Ebenfalls eine starke Entdeckung ist die an der Geige geschulte senegalesisch-italienische Neo-Soulerin anaiis (auch Anaïs) mit ihrer warmen Intonation in „Don’t Give Up“.
Rosie Lowe hat sich schon vor geraumer Zeit im englischen Neo-Soul etabliert, auch wenn sie zuletzt auf „Lover, Other“ schon eher als Electro-Künstlerin auftrat.
Matt Maltese ist trotz seiner sechs Alben ein unbeschriebenes Blatt außerhalb Großbritanniens, wo ihn die gesamte Presse mit Lob überhäuft. Man rechnet ihn dem Alternative- und Chamber-Pop zu, von dem er hier in Jonathan-Jeremiah-Manier nahtlos ins ’soulvolle‘ Gefilde wechselt.
„Somewhere Between“ macht beim ersten Hören einen unscheinbaren Eindruck, kann sich aber mit jeder Rotation zu einem Ereignis und tief berührenden Gesamtkunstwerk entwickeln, obwohl es auch ein bisschen den Charakter einer Compilation hat. Wenn es eine wäre, dann wäre sie sehr feinfühlig und geschmackvoll zusammengestellt.
