Poppige Beats, Gitarre und dann die Stimme von Gwen Dolyn. Der Sound macht sofort klar – „Chrom im Wald“ ist ein neues Stück des Duos TRÄNEN von ihrem neuen Album „Leben In Einer Katze“. Wiedererkennungswert sehr hoch. (Ein bisschen geschummelt, da wir das Stück schon live vor den tanzenden Türmen beim Reeperbahn Festival erleben durften.)
Etwas anders wird es inhaltlich. Weniger konkrete Wut und Frustration als auf der ersten Scheibe „Haare eines Hundes“. Dafür ein grünes Wesen aus dem Wald. Unklar ob es das Wesen, gibt, welches Geschlecht es hat. Klarer ausgesprochen die Hoffnung auf Bleibendes. Eine moderne Form der Fabel?
Ähnlich der Titel des zweiten Albums: „Leben In Einer Katze“. Ja, in einer Katze. Viel Raum für Fragezeichen. Aber auch, ganz offensichtlich, noch mehr Raum für Merch und den roten Faden fürs Marketing.
„Unter Meinem Pflaster“ kommt wieder realer daher. Und resignierter. „Warum muss ich so viel fühlen? Warum muss ich irgendwas? Ich renn gegen deine Wände, bis das Pflaster endlich passt.“ Wohl das Stück der Platte, das am konkretesten mit der harten Realität von Emotionen abrechnet. Wie gewohnt zu harmonisch tanzbarem Sound, der in sich hoffnungsvoller ist als der Text.
„Die Erde Ist Mein Traum“ hüpft weiter fröhlich daher. Transportiert wenig greifbare Gefühlsfragmente, die wir alle schon erlebt haben. Macht sie gleichzeitig diffus, surreal.
Die Singleauskopplung „Rote Funken“ spielt mit unterschiedlichen Tonfällen. So unterschiedlich wie die transportierten Stimmungen. Fordert auf zum Mitsingen und irgendwie verliebt sein.
„Freak“ schiebt zur Abwechslung eine Ballade mit sensibel schleppender Tonalität ein.
„Wenn das hier Freiheit ist, warum fühlt die sich so scheiße an? … Ich bin hier aber nicht von hier. Wo willst du hin? Nach Hause.“ „Das Gegenteil Von Scheiße“ vermischt und zerlegt Wut, Angst, Zugehörigkeit, Freiheit und Sehnsucht.
„Wenn Sie Schwitzt“ legt einen raueren Ton an. Punkiger Sound trifft auf harte Realitäten zwischen Begierde, Oberflächlichkeit und Übergriffigkeit. Sicher der nächste inhaltsschwere Tanzhit für die Tour.
Das könnte aber auch „Ordinäre Liebe“ werden. Erneut ein 80er Punk-Cover, unterstützt von Maxim von K.I.Z. Diesmal das Original von Toxoplasma. Ganz andere Thematik aber hält locker mit „Duell Der Letzten“ von der ersten Platte mit. Die beiden könnten sicher auch ein ganzes Album mit Punk-Covern füllen, die so eigenständig daherkommen, dass es niemand merken würde.
„Du Hund“ subsumiert zum Ende die Quintessenz der Scheibe. Liebe, Zerrissenheit, überirdische Wesen aus dem All und Widersprüche zwischen Harmonie und Realität.
„Leben In Einer Katze“ ist ein Album, der es auf den ersten Blick ganz einfach macht, gemocht zu werden. Eingängig, poppig, punkig, tanzbar. Auf den zweiten und dritten Blick gar nicht mehr so eingängig. Oberflächlich absurd in den Metaphern „sind wir Katzen oder Alien?“. Tiefergehend emotional saugend und doch viel Spaß.
Das Label schreibt, das Album „ist auch eine Absage an einen Gegenwartspop, der Verletzlichkeit zwar behauptet, aber selten etwas riskiert“. Klingt nach überzogenem Marketingsprech aber hat was.
Interessante und unerwartete Weiterentwicklung zum Debüt.
