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Wir sind zu zweit ebenso vollkommen – The Drums im Interview

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Im Video zur ersten Single-Auskopplung „Magic Mountain“ ihres neuen Albums „Encyclopedia“ schlagen sich The Drums mit Ritterrüstung und Schwert bewaffnet durch ihre Umgebung. Dass sie ein dickes Fell haben, wurde spätestens deutlich, als die Meldung die Runde machte, dass die Wahl-New-Yorker fortan nur noch als Duo weitermachen würden. Geschadet hat ihnen diese Veränderung nicht im Geringsten. Sie hat sie eher dazu beflügelt, im selben Atemzug auch musikalisch verstärkt die Regler auf Neustart zu stellen und den gewonnenen Freiraum mit kleineren Klangexperimenten zu füllen, ohne dabei alles um sich herum ins Chaos zu stürzen. Während der Trubel der Berlin Music Week sich wie ein unaufhörliches Summen über die Stadt legte, trafen wir Jonathan Pierce und Jacob Graham zum Gespräch über die Notwendigkeit, sich selbst zu schützen, das Ungleichgewicht zwischen Sound und Ästhetik, aber auch die verheerende Lage und die Verletzung der Menschenrechte in Russland.

MusikBlog: Ist der Titel eures neuen Albums „Encyclopedia“ Ausdruck all des Gewichts, das während der Arbeit daran auf euren Schultern gelastet hat?

Jonathan Pierce: Oh, das kann man wohl sagen! Diese Assoziation hat noch niemand geäussert, aber es macht Sinn.

Jacob Graham: Mir gefällt diese gedankliche Verbindung, weil etwas Wahres in ihr steckt. Dennoch ist der Albumtitel wohl eher Ausdruck des Gegenteils, denn vor dem aktuellen Album waren wir an einem Punkt angekommen, an dem wir das Gefühl hatten, niemand würde uns auch nur einen Funken Aufmerksamkeit schenken. Wir konnten die Arbeit an „Encyclopedia“ ziemlich unbeschwert beginnen. Frei von allen Lasten, die wir mit uns herumgeschleppt hatten und mit dem Empfinden, die neuen Songs, wenn nötig, in eine bizarre Richtung zu lenken. Die gesamte Ausgangslange war recht befreiend und der Spaßfaktor war dieses Mal ebenfalls groß, gerade weil die Platte so viel versteckte Drehungen und Wendungen hat.

MusikBlog: Eine Enzyklopädie zu schreiben, bedeutet, sich ganz und gar einem bestimmten Thema zu widmen. Dieses füllt nicht selten einen großen Teil des Lebensinhalts aus. In eurem Fall wäre das dann vermutlich die Musik. Warum könnt ihr, trotz der Höhen und Tiefen eurer Karriere, nicht davon lassen und haltet leidenschaftlich an ihr fest?

Jonathan Pierce: Die Frage ist gut! In gewisser Art und Weise kann man wirklich sagen, dass die Musik für uns einen ebenso großen Raum einnimmt und sich beide Aspekte miteinander vergleichen lassen. Wenn man sich so intensiv einer Sache im Leben widmet, dann hat man im besten Fall das Gefühl, ganz und gar in ihr aufzugehen und sie bis ins kleinste Detail zu kennen. Wenn wir Musik machen oder Songs schreiben, dann bleibt ein ähnlicher Eindruck zurück. Da ist diese große Vertrautheit, die in allem mitschwingt, was man tut. Wir haben, was die Musik angeht, schon immer nach denselben Prinzipien gehandelt und unsere Ziele nicht aus den Augen gelassen. Eines davon war schon immer, dass wir schöne, bedeutungsvolle Popsongs schreiben wollen. Obwohl das Songwriting immer etwas Ungewissheit birgt, ist es für uns aber nach all den Jahren nicht mehr mysteriös, was ich gar nicht negativ bewerten will. Es ist vielmehr ein inniges Verhältnis, das auf unseren Erfahrungen beruht und uns Sicherheit gibt. Es ist eher selten der Fall, dass wir ahnungslos im Dunkeln tappen und nicht wissen, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet. Wir wollen gute Popsongs schreiben und haben nichts anderes im Sinn. Das ist genau das, was in unserem Vertrag steht! (lacht)

Jacob Graham: Da muss ich dir zustimmen, aber obwohl wir als Musiker wissen, wie wir einen Song schreiben und mit welchen Mitteln wir was zum Ausdruck bringen können, gibt es da nach wie vor dieses unbeschriebene Blatt, das vor uns liegt und diese vage Idee im Raum, die das Ergebnis unter Umständen in Bahnen lenken kann, die du vorher nie vermutet hättest. Du hast erst Klarheit über einen Song, wenn die Arbeit daran wirklich abgeschlossen ist. Bis dahin kannst du vielleicht eine sehr genaue Vorstellung von dem haben, was du aussagen möchtest, aber das heisst noch lange nicht, dass es am Ende auch so klingt. Es gibt da immer diesen sehr schmalen Grad zwischen der ursprünglichen Songidee und dem endgültigen Resultat. Ich finde es jedes Mal großartig, auf einen fertigen Song zu blicken und mir dabei seine Entstehung vor Augen zu halten. Man fühlt gleichzeitig Zufriedenheit und dann wiederum einen starken Drang, sofort wieder von vorne anzufangen. Ich glaube jeder Songwriter ist von diesem Gefühl besessen, immerzu etwas zu schaffen.

MusikBlog: Verspürt ihr diesen besonderen Drang, euch so leidenschaftlich einer Sache zu widmen nur auf musikalischer Ebene, oder gibt es noch etwas anderes in eurem Leben, das euch ähnlich intensiv beschäftigt?

Jonathan Pierce: Ja, für mich ist es das Thema Menschenrechte. Wir werden heute Abend noch nach Russland reisen…

MusikBlog: Mitten hinein in den Brennpunkt, was Menschenrechte angeht. Mit was für einem Gefühl blickt ihr auf diese bevorstehende Reise?

Jonathan Pierce: Ich freue mich trotz allem auf die Erfahrung, dorthin fahren zu können. Natürlich ist es momentan nicht gerade der sicherste Ort der Welt, aber seien wir einmal ehrlich – sicher ist man heutzutage sowieso nirgends. Wir sind uns den Umständen ganz klar bewusst, aber versuchen als Künstler vor allem das Publikum zu sehen und das von all den Unruhen und politisch-militärischen Aktionen zu trennen. Auch in Russland gibt es Kids, die ein Recht darauf haben, Musik zu genießen. Die Berichterstattung in den letzten Monaten war zum Teil äusserst beängstigend und deprimierend. Nicht nur außenpolitisch, sondern auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Zustände, in denen die Menschen nicht einmal ihre Sexualität frei ausleben können, sondern aufgrund ihrer sexuellen Orientierung misshandelt, gedemütigt und verfolgt werden. All das macht mich wirklich unheimlich wütend. Natürlich finden solche Themen dann, wenn auch nur ansatzweise, auch den Weg in unsere Musik.

MusikBlog: An welchen Song denkst du da zum Beispiel?

Jonathan Pierce: Der Song „Magic Mountain“ zum Beispiel handelt von Selbstschutz und kann als Verweis auf solche oder ähnlich konfliktgeladene Zustände gedeutet werden. Ein Teil von uns will den Kids sagen: „Passt auf euch auf!“, der andere Teil möchte ihnen aber auch mit auf den Weg geben: „Habt keine Angst davor, wer ihr seid!“. Es ist das erste Mal, das wir uns auf einem Album auf diese Weise zu solchen Themen äussern. Jacob war aber auch so nett, mich einen atheistisch motivierten Track schreiben zu lassen, der es sogar auf das Album geschafft hat. Hinterher meinte er zu mir, dass er nicht hinter dem Song, aber immerhin neben ihm stehen würde. Vielleicht kommt er irgendwann noch dahin, dass er doch hinter ihm Platz nehmen kann. Das wäre nur gesund für ihn! (lacht)

MusikBlog: Hat das neue Album wegen dieser Entwicklung einen besonderen Stellenwert für euch?

Jonathan Pierce: Ja, absolut. Das Album bedeutet uns gerade wegen seiner thematischen Ausrichtung so viel. Ich kann guten Gewissens sagen, dass es allein deswegen noch viel bedeutungsvoller für uns ist als unsere ersten beiden Alben. Und erst recht gewichtiger als unsere „Summertime!“ EP, die inhaltlich so weit davon entfernt ist. Die Songs darauf sind im Vergleich zu „Encyclopedia“ geradezu albern. Die letzten beiden Platten beschäftigten sich viel mit den Aspekten Liebe und Verlust. Dieses Mal wollten wir auch einmal Dinge zur Sprache bringen, die darüber hinausgehen. Unser Verantwortungsbewusstsein ist heute viel stärker ausgeprägt als damals. Vielleicht ist etwas von dem, was wir sagen oder tun, für ein paar Kids da draußen von Bedeutung, bringt irgendetwas in Bewegung oder spendet vielleicht einfach nur ein wenig Trost. Allein dieser Gedanke erfüllt uns mit großem Respekt und Dankbarkeit. Ich kann mich noch gut an meine Jugend erinnern, in der ich oft zu Künstlern aufgeschaut und in ihrer Musik Halt gefunden habe. Das hat sich bis heute eigentlich nicht geändert.

MusikBlog: Als Künstler habt ihr die Möglichkeit, eure Anschauungen und Gefühle in eurer Arbeit zum Ausdruck zu bringen und damit auch zu einer Art Sprachrohr zu werden oder euch von allzu spezifischen Äusserungen fern zu halten und alles unter den Deckmantel der Vagheit zu stellen. Macht ihr euch, wie bei eurer jetzigen Reise nach Russland, Sorgen um eure Meinungsfreiheit?

Jacob Graham: Ich wüsste zumindest gerne genauer, was meine Rechte sind!

Jonathan Pierce: Mir wurde auf jeden Fall nahe gelegt, dass ich „vorsichtig“ sein soll. Ehrlich gesagt, mache ich mir schon etwas Sorgen, denn Fakt ist, dass man in Russland momentan Grund genug hat, seine persönliche Sicherheit in Frage zu stellen, wenn man überhaupt nur seinen Mund aufmacht und seine Meinung äussern möchte, was schlimm genug ist. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob und in welcher Form wir uns dann vor Ort über die Missstände äussern werden. Sei es auf der Bühne oder woanders. Einfach aus dem Grund, weil man sich dabei auf einem verdammt dünnen Eis bewegt.

Jacob Graham: Ich sehe die Reise nach Russland vor allem als Chance für uns, vor einem Publikum zu spielen, das inmitten dieser zum Teil verheerenden Zustände lebt und sich täglich mit diesen auseinandersetzen muss. Letztendlich liegt unsere hauptsächliche Aufgabe als Musiker doch darin, für Unterhaltung zu sorgen und wir beabsichtigen, genau das zu tun. Erst recht, wenn wir die Menschen auch einmal für einen Moment lang gedanklich von ihren Sorgen und Nöten losreißen können. Wir planen, keine großen politischen Statements abzugeben oder gar unnötigen Zorn heraufzubeschwören, wenn wir dort sind. Ich glaube, man kann auch ohne groß angelegte Äusserungen oder ein Versteckspiel seine Meinung zum Ausdruck bringen bzw. ermutigende Worte finden. Dennoch ist und bleibt es zweifelsohne schwierig, das umzusetzen.

MusikBlog: Ihr habt bereits eure erste Single „Magic Mountain“ erwähnt. Wie sieht dieser magische Ort für euch aus und wo befindet er sich?

Jonathan Pierce: Ah! Und ich dachte, wir hätten musikalisch mal wieder alles gesagt…Ich habe mir solche Mühe gegeben, ein akustisches Bild zu zeichnen. (lacht) Aber wo du so genau fragst, ich weiss nicht einmal genau wie dieser Ort im Detail aussieht. Im Video sind wir dieser Frage auch schon nachgegangen…

Jacob Graham: Ich sehe schon, wir haben kläglich versagt, Jonathan! (lacht)

MusikBlog: Auf jeden Fall scheint es dann wohl ein Ort zu sein, an dem ihr euch mit einer angelegten Rüstung umher bewegt und den einen oder anderen (inneren) Kampf austragt, oder?

Jonathan Pierce: Sehr gut beobachtet! Ja, das entspricht ganz sicher der Realität.

Jacob Graham: In meiner Vorstellung sieht der „Magic Mountain“ wirklich wie ein richtiger Berg aus.

Jonathan Pierce: Vielleicht habe ich keine genaue Vorstellung von diesem Ort, weil ich mehr seine Funktion als sein Erscheinungsbild an sich sehe. Ich kann also nicht genau sagen, wie es dort aussieht, aber weiß mit Sicherheit, dass wir uns dort sehr geborgen fühlen. Es ist für uns ein Ort, an dem wir uns weitestgehend sorgenfrei und unbeschwert bewegen können. Es kommt niemand herein, der uns sagt, was wir zu tun oder zu lassen haben. Wir können von uns behaupten all unsere Verrücktheiten dort ausleben zu können, was ein sehr schönes Gefühl ist. Vor allem, weil nur Jacob und ich da sind und sonst niemand. Wir sind mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen, dass es völlig ok ist, dass wir diesen Weg nur zu zweit gehen.

Jacob Graham: „Magic Mountain“ ist für uns eine Art Sinnbild für einen Ort, zu dem nicht jeder einen Zugang hat und in dem genügend Raum für kindliche Naivität ist. Man kann ihn mit einem Baumhaus vergleichen, das die gleichen Eigenschaften besitzt. Man schafft sich bewusst einen Zufluchtsort, der für andere schwer erreichbar ist. Man will eben nicht, dass der Vater raufgestapft kommt und einem Vorschriften macht.

Jonathan Pierce: Meiner würde es gar nicht schaffen, da raufzuklettern.

Jacob Graham: Meiner schon! (lacht)

MusikBlog: Jonathan, du hast über „Encyclopedia“ gesagt, dass es ein Album über Selbstfindung und Selbstschutz ist. Vor wem oder was genau müsst ihr euch schützen?

Jonathan Pierce: Vor allem vor Menschen, die einem das Gefühl geben, nicht gut genug zu sein. Und davon gibt es einige in meinem Leben. Ständig ertappt man sich dabei sich selbst oder sein Handeln in Frage zu stellen, weil dir jemand weismachen will, dass es wieder einmal nicht gereicht hat. Auf dem neuen Album versuchen wir, diese verlorenen Puzzleteile des Lebens wieder zusammenzufügen und all die schlechten durch gute zu ersetzen. Das ist leichter gesagt als getan, aber diese grundlegende Botschaft wollten wir unseren Hörern mit auf den Weg geben. Es lohnt sich immer, nach den guten Dingen Ausschau zu halten und jeder sollte versuchen, sich von ihnen zu umgeben. Das mag für manche vielleicht kitschig oder gar künstlich klingen, aber für mich persönlich war genau das eine sehr wichtige und lehrreiche Einsicht, zu der ich gelangt bin.

MusikBlog: Was hat dazu geführt, dass dieses Umdenken schließlich stattfinden konnte?

Jonathan Pierce: Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, bestimmte Menschen in meiner Familie und in meinem Freundeskreis dazu zu bringen, mich als die Person zu akzeptieren, die ich nun einmal bin. Dabei bin ich so oft gegen dieselben Mauern gerannt, bis mir ein guter Freund zu der Einsicht verholfen hat, dass man diese Form der Akzeptanz nicht um jeden Preis suchen muss, sondern es völlig in Ordnung ist, diesen Kampf mit seiner Umwelt ruhen zu lassen, wenn er so aussichtslos erscheint. Erst recht, wenn man ihn schon über dreißig Jahre lang kämpft. Investiere deine Energie und Zuneigung lieber in ein Umfeld, das Gutes verspricht. Jeder hat diese Wahl. Manchmal muss man sich eben entscheiden, welche Menschen man weiterhin in seinem Leben haben möchte, um sich selbst zu schützen. Das kann ein sehr harter und schmerzvoller Prozess für einen selbst sein. Jacob und ich mussten diese Erfahrung auch machen, aber sind letztendlich gestärkt daraus hervorgegangen.

MusikBlog: Du meinst die internen Veränderungen der Band?

Jonathan Pierce: Ja, genau. Unsere Band brach teilweise auseinander, einige Bandmitglieder verließen uns und wir mussten schließlich mit dieser für uns ungewohnten Situation zurechtkommen. Das hat uns mitunter doch sehr entmutigt. Jedenfalls, bis wir an den Punkt kamen, an dem wir realisierten, dass wir zu zweit ebenso vollkommen waren und es nicht unbedingt weitere Bandmitglieder brauchte, damit wir ein gutes Album aufnehmen können. So haben wir den vermeintlichen Nachteil zu unserem Vorteil gemacht und können von uns behaupten, unser Lieblingsalbum bis dato aufgenommen zu haben.

MusikBlog: Von aussen betrachtet, mag es für so manchen wie ein Rückschlag wirken, dass ihr jetzt nur noch zu zweit weitermacht. Warum ist es künstlerisch gesehen dennoch kein Rückschritt für euch?

Jonathan Pierce: Es fühlt sich musikalisch betrachtet nicht wie ein Rückschritt für uns an, weil wir beide schon immer diejenigen in der Band waren, die die Songs geschrieben haben. Die anderen haben nie am Songwriting oder an den Aufnahmen mitgewirkt. Dafür waren, bis auf ein paar sehr wenige Ausnahmen, schon immer nur Jacob und ich verantwortlich. Von den rund fünfzig Songs, die von uns existieren, stammen im Grunde fünfundvierzig aus unserer Feder. Schon allein aus dem Grund sind wir nicht in einen Modus aus Panik verfallen, in dem wir uns ernsthaft Sorgen darüber gemacht haben, wie es künstlerisch gesehen mit der Band weitergehen würde als klar war, dass wir nur noch zu zweit sein würden.

Jacob Graham: Rückblickend betrachtet, waren wir eigentlich immer von Leuten umgehen, die mehr oder weniger in der Ecke rumsaßen, sich kreativ kaum bis gar nicht einbrachten, aber uns aus dieser Distanz heraus Ratschläge geben wollten. Jetzt sind wir vielleicht nur noch zu zweit unterwegs, aber können unsere Songideen ungefiltert in die Tat umsetzen, was sehr angenehm für uns ist. Ausserdem haben wir genau unter diesen Voraussetzungen angefangen, zusammen Musik zu machen und wir wissen, dass es auch so funktioniert. Quantität ist eben nicht alles und schon gar keine Garantie für Qualität. (lacht)

Jonathan Pierce: Zu viele Köche verderben den Brei! Mal gucken, wie viele Sprichwörter wir im Laufe des Gesprächs noch unterkriegen! (lacht)

MusikBlog: Die euch oft attestierte „Bandkrise“ hat also in Wahrheit gar nicht wirklich existiert?

Jonathan Pierce: Ich weiss nicht, ob ich es als „Krise“ bezeichnen würde. Ja, es war eine schwierige Phase für uns, als sich herausstellte, dass uns zwei Bandmitglieder und Freunde verlassen würden. Kreativ gesehen, fühlten wir uns aber nie, als würden wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Tief in unserem Inneren wussten Jacob und ich wohl schon immer, dass wir beide irgendwann wieder alleine sein würden. Es ist nicht so, als hätte uns die interne Veränderung in der Band nicht geschockt, aber auf der anderen Seite war es auch absehbar, dass das früher oder später passieren würde.

MusikBlog: Warum warst du dir dessen so sicher?

Jonathan Pierce: Weil ich es gewohnt bin, verlassen zu werden. Das geht schon mein ganzes Leben lang so! Verlassen von allem…Daher gehe ich auch nicht mit der Vorstellung durch’s Leben, dass die Menschen darin für immer an meiner Seite sein werden. Ich weiss nur allzu gut, dass das nicht der Realität entspricht. Aber das Gute daran ist – es gibt mir genügend Stoff für weitere Songs! Das nennt man dann wohl den ultimativen Tausch. Man kann eben nicht beides haben. (lacht)

MusikBlog: Wenn diese Entwicklung absehbar war, habt ihr euch dann im Vorfeld aus Gründen des Selbstschutzes schon eine Strategie zurechtlegen können, um diese schwierige Phase in eurer Karriere unbeschadet zu überstehen?

Jacob Graham: Wir hatten keine wirkliche Strategie für diese Zeit, aber wussten beide, dass wir diese Phase nur mit einem Album beenden könnten, das wir zutiefst lieben. Mehr können wir wohl ohnehin nicht tun.

Jonathan Pierce: Klar, wir hätten auch die Möglichkeit gehabt, uns haarklein mit all den Details auseinanderzusetzen und nebenbei eine halbherzige Platte aufzunehmen, aber was wäre denn der Sinn davon gewesen?!? Dann stecken wir unsere Energie doch lieber gleich in ein Dutzend neuer Songs und haben am Ende ein Album, auf das wir stolz sein können.

Jacob Graham: Und dieses Gefühl ist für uns absolut nicht an den kommerziellen Erfolg oder Misserfolg des Albums gebunden. Vielleicht sagen in ein paar Jahren die Kids, dass gerade dieses Album unsere Band und unseren Sound am besten verkörpert. Wer weiss das schon?

Jonathan Pierce: Niemand, aber wir können uns ja einmal kurz dieser Vorstellung hingeben…(lacht)!

Jacob Graham: Es kann ebenso gut sein, dass sie behaupten, dass dieses Album der Anfang vom Ende war!

Jonathan Pierce: Obwohl ich das Album wirklich mag, weiss ich auch nicht so recht, ob ich mir wünschen soll, dass das Album ein Erfolg wird oder ob es nicht lieber die Kugel ist, die alles beendet, damit wir mit unserem Leben weitermachen können. (lacht)

Jacob Graham: Wir wissen doch aber gar nicht, wohin mit uns!

MusikBlog: Das Wesen eurer Songs waren schon immer von viel Empfindsamkeit geprägt. Gibt es dennoch Gefühle, die ihr lieber begraben anstatt besingen würdet?

Jonathan Pierce: Es mag vielleicht schmerzhaft sein, aber ich würde mich ungern bestimmten Gefühlen verschließen wollen, egal wie sehr sie an mir zehren oder mich emotional in den Abgrund reissen. Ich glaube, es hat einen guten Grund, warum wir all diese Extreme fühlen und ich möchte mir keine Welt vorstellen, in der es anders ist. Aber das Unterbewusstsein hält natürlich ab und zu gewisse Dinge zurück, um das seelische Gleichgewicht nicht zu gefährden. Textlich gesehen, haben wir auf den ersten beiden Alben mit Sicherheit einiges ausgeklammert, aber das ist eher intuitiv geschehen.

MusikBlog: Und nun wolltet ihr das ändern?

Jonathan Pierce: Ja! Bei „Encyclopedia“ haben wir uns fest vorgenommen, dass wir uns, wenn nötig, alles frei von der Seele reden, was uns beschäftigt. Vielen Leute denken, wir würden ausnahmslos fröhliche Songs schreiben, was ich gar nicht nachempfinden kann. „Let’s Go Surfing'“ war wohl mit Abstand der vergnügteste Song, den wir jemals aufgenommen haben, aber selbst dort wird im Refrain die Hoffnungslosigkeit aufgegriffen. Selbst in unseren scheinbar ungetrübtesten Songs findet sich auch immer etwas Dunkles wieder. Ehrlich gesagt, geht es mir total gegen den Strich, dass jeder große Hit sich gerade nur darum dreht, dass „irgendwer“ da draussen in einem Club ist und auf dem Dancefloor rumhängt. Na toll, und? Das war’s? Alles, was zählt ist offenbar die Location, die großspurig zum einzigen Thema gemacht wird. Tiefgründiger wird es meist nicht. Im Refrain heisst es dann immer: „Hey, ich bin auf der Tanzfläche! Uhh, ist das verrückt hier! Mein linker und rechter Fuß sind beide auf dem Dancefloor, wow! Heute ist DIE Nacht!“

Jacob Graham: Mir wird ganz schlecht, wenn ich so etwas höre…

Jonathan Pierce: Mir auch! Schon allein deswegen haben wir die verdammte Pflicht, mehr als das mit einem Song auszudrücken.

Jacob Graham: Für mich verkörpern solche seelenlosen Songs das ultimative Gefühl von Traurigkeit.

Jonathan Pierce: Ja, vor allem, weil sie nicht einmal etwas an Tiefgang verstecken. Es ist ja überhaupt nichts Derartiges vorhanden! Sie werfen dir schon alles vor die Füße, was sie hergeben können. (lacht)

MusikBlog: Und am Ende wird versucht, dieses inhaltliche Defizit auf ästhetischer Ebene mit tollen Videos, tollen Fotoshootings und dergleichen auszubügeln. Es ist ja nach wie vor oftmals der Fall, dass der gewisse „Look“ eines Künstlers mehr zählt als der eigentliche Sound. Nervt es euch, wenn ihr als Band mehr an ästhetischen als an klanglichen Werten gemessen werdet oder könnt ihr problemlos darüber hinweg sehen?

Jonathan Pierce: Ich kann diese ganze Aufregung meist gar nicht verstehen. Es ist doch gar nicht so schwer, beides miteinander in Einklang zu bringen. Für uns war das noch nie ein Problem, daher fühlen wir uns auch nicht als Teil dieser Debatte. Klangliche und auch visuelle Elemente sind Teil unserer Arbeit, aber wir würden nie eins über das andere stellen. Wir sind immer darum bemüht, ein Gleichgewicht zwischen beiden herzustellen.

MusikBlog: Klappt das immer ausnahmslos?

Jacob Graham: Natürlich nicht (lacht)! Manchmal ist es aber gerade in solchen Momenten okay, wenn man es auch nicht allzu sehr versucht. Ich erinnere mich an die Zeit als wir die Arbeit an „Portamento“ beendet hatten. Wir wollten unbedingt dieses sonnengefärbte Strand-Image loswerden, das man uns ständig aufzwang. Erst recht, weil die Songs auf dieser Platte längst nicht mehr so unbeschwert waren. Also benutzen wir mit Absicht dieses eine alte Foto von Jonathan und malten ihm darauf auch noch die Augen rot, als wäre er der Teufel in Person. Ha! Kurz darauf schrieben alle, dass das Album total düster wäre. Es war so lächerlich! Das war wohl Beweis genug dafür, wie einfach man durch visuelle Effekte das eigene Image verändern kann. Gleichzeitig ist es doch verrückt, wie visuell geprägt wir heutzutage sind. Alle sind immer viel zu beschäftigt, um sich wirklich einmal ein Album aufmerksam anzuhören. Aber sobald sie ein Bild von dir sehen, denken sie, sie hätten Ahnung davon, wie du musikalisch tickst. Es reicht teilweise völlig aus, ein Album nur anhand seines Covers und der eigenen vorgefassten Meinung zu bewerten.

Jonathan Pierce: Erst vor kurzem hat ein namhaftes englisches Magazin mit drei Buchstaben – da kannst du mich gerne zitieren [gemeint ist der NME – Anm. der Red.] –  ein altes Bandfoto von uns abgedruckt, auf dem noch Jacob, Connor und ich zu sehen waren. Darunter stand der Satz: „Jonathan und Jacob haben den Rest der Band fallengelassen, um an „Encyclopedia“ zu arbeiten.“ Was für ein Schwachsinn! Und so etwas ist der Journalismus von heute. Erst drucken sie ein völlig veraltetes Foto von einem ab und dann erzählen sie auch noch Dinge, die überhaupt nicht der Wahrheit entsprechen. Das ist so traurig.

Jacob Graham: Zumal sie definitiv aktuelle Fotos von uns vorliegen hatten! Das ist doch total manipulativer Journalismus. Dabei versuchen wir den Leuten doch nur ein wenig Freude mit unserer Musik zu machen. Wir legen es wirklich nicht darauf an, ihnen irgendetwas vorzumachen, weder musikalisch noch visuell gesehen. Beim Artwork zu „Encyclopedia“ wollten wir daher auch unbedingt ein Foto von uns verwenden, auf dem deutlich wird, dass wir nur noch zu zweit sind. Einfach, um dahingehend alles vorweg zu sagen und die Band in dieser Formation „neu“ vorzustellen.

MusikBlog: Ein Song wie „Bell Laboratories“ bewegt sich doch sehr weit ab von eurem markanten Sound und gehört zu einer der größten Überraschungen auf dem neuen Album. Wie seid ihr mit der Herausforderung umgegangen, einen Song wie diesen mit auf das Album zu nehmen?

Jonathan Pierce: Es war anfangs nicht einfach für mich, überhaupt einen Song zu schreiben, der so geradlinig ist und mit so wenig Text auskommt. Es ist mehr ein kleines Stück Musik als ein Song im klassischen Sinne. Es ist immer ein Risiko, solche Experimente mit in ein Album einfließen zu lassen, aber wir haben bewusst die Entscheidung gefällt, dass wir auf jeden Fall auch Songs auf „Encyclopedia“ haben wollten, die sowohl uns als auch den Hörern etwas mehr Raum zum Durchatmen geben. Normalerweise bleibt nicht gerade viel Zeit zum Nachdenken, wenn ein Song den nächsten jagt.

Jacob Graham: Das ist unser erster Versuch, etwas in dieser Form zu machen, denn auf den ersten beiden Alben gab es nichts Vergleichbares.

Jonathan Pierce: In der Vergangenheit haben wir uns fast immer auf die großen Refrains gestürzt und haben uns sehr auf solche Dinge konzentriert. Einmal im Jahr kommt es vor, dass ich mir unsere alten Songs anhöre und dann wünsche ich mir immer, dass wir schon früher einmal diesen Schritt gewagt hätten, ein wenig zurückzuschalten und einen kleinen Ruhepol zu schaffen. Ich finde es schon fast ein wenig anstrengend, mich durch unsere anderen Alben zu hören, weil einfach immer etwas los ist. Es war auch eine völlig neue Herausforderung für mich, bei diesem Song mehrere Vocal-Takes zu haben. Normalerweise brauche ich nicht sehr viele Versuche, aber bei „Bell Laboratories“ war das anders. Vielleicht auch, weil Jacob nie mit dem Ergebnis zufrieden war. Er sagte immer zu mir: „Ich habe so viel Zeit in die Synthesizer investiert, jetzt stell dich nicht so an!“ (lacht)

Jacob Graham: Ich bin froh zu hören, dass du genau diesen Song als „überraschend“ einstufst, denn das ist das größte Kompliment, das man uns machen kann. Wir wollten auf „Encyclopedia“ Überraschungsmomente schaffen, ohne allzu bizarr zu sein. Daher freut mich deine Wortwahl sehr. Danke!

Jonathan Pierce: Da stimme ich dir zu. Das neue Album lebt von diesen kleinen Momenten, die oftmals viel subtiler sind als alles, was wir bisher gemacht haben. Man kann wirklich nicht von uns behaupten, dass wir bis zum jetzigen Zeitpunkt versucht hätten, ausgesprochen besonnen zu sein, was unsere Songs angeht. Dafür war unsere Musik immer viel zu sehr von Gitarren oder Hall-Effekten durchdrungen. Nun habe ich das Gefühl, dass wir sehr viel mehr Wert darauf legen, uns auch einmal ausserhalb dieser Parameter zu bewegen und das fühlt sich gut an.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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